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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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muß sie hingehen, immer wieder hingehen. Und auf dem Stadt­haus muß sie liegen. Tag für Tag. Möglichst noch die Kinder mitnehmen... Daß er auch seine Pfoten nicht davon gelassen hat. Ausgerechnet er mußte die Zeitung vertreiben, wo es so viele junge Genossen gibt, die keine Familie haben und leichter eine Haft absitzen. Sie sollten ihm noch einmal kommen, er würde ihnen schon was erzählen...

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Und Hannes Kolzen redet sich in Wut und Haß hinein. Aber dann kommen auch Erinnerungen an Genossen, die nicht nur eingesperrt, die nicht nur viehisch geprügelt die ermordet, schändlich ermordet wurden, die auch Frau und Kinder hatten und die nie geklagt, nie ihr Schicksal verflucht, nie ihre Taten bereut haben. Hannes Kolzen ist nicht aus diesem Holz ge­schnitzt. Er glaubt denen nicht, die für eine politische Partei be­wußt und stolz in den Tod gehen. Er hält sie für Lügner und Heuchler, die sich selbst belügen, die, um eingepaukte Gesten getreulich nachzuahmen, mit Rot Front und der geballten Faust in den Tod gehen; die aber heulen möchten vor Verzweiflung und Angst und doch mit blutleeren Wangen, die Internationale singend, das Schafott betreten. Er will nicht heucheln, will nicht sich und andere belügen; er hat schon von dieser Kostprobe des faschistischen Terrors genug, er will raus. Raus aus diesen Mauern... Ja, sie soll zu Kaufmann gehen. Gleichzeitig will er einen Antrag auf Vernehmung an die Stapo stellen. Sie sollen ihn fragen, er will ihnen antworten, will ihnen alles sagen. Sie sollen wissen, wie er heute denkt.

Jonni Stüwen wird als erster aufgerufen.

,, Sauber gewaschen?" fragt der Wachtmeister und betrachtet Stüwen prüfend. Gut rasiert? Sonst denken die Frauen, hier sei ein Zigeuner- und kein Konzentrationslager."

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