,, Ich habe schon einige Male gesagt, man soll solche Gespräche unterlassen!" flüstert Welsen den Genossen zu. ,, Ihr wiẞt doch alle, wie es um ihn steht!"
Die Genossen setzen sich an ihre Plätze. Stumm würgen sie ihr Brot. Einige spülen bereits am Wasserhahn ihre Schüsseln aus. Heimliche und besorgte Blicke werden nach dem kranken Genossen geworfen.
,, Ist der Jahnke so sensibel?" fragt Kreibel leise Welsen. ,, Kein Wunder, dem wollen sie auch den Kopf abschlagen!" Mein Gott! Und weswegen?"
,, Er steht unter Mordanklage!" flüstert Welsen.„ Erinnerst du dich an die Zusammenstöße in der Gothenstraße im vorigen Jahr? Ein SA- Mann wurde dabei erschossen, drei von unseren Genossen wurden schwer verletzt; darunter er. Fünf Monate lag er mit einem schweren Brustschuß im Lohmühlenkrankenhaus. Nun steht er unter Mordanklage; er soll die tödlichen Schüsse auf den Nazi abgegeben haben."
,, Hat er das zugegeben?"
,, Nein. Aber die anderen Angeklagten behaupten es."
,, Wie ist das möglich, daß sie das aussagen?"
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Wenn du schon so fragst? Was meinst du, wie sie die vorgenommen haben. Nacht für Nacht. Die erkannten sich gegenseitig nicht mehr wieder, so waren sie zugerichtet... Unserm Fritz werden sie den Kopf abschlagen; das ist so gut wie gewiß." ,, Und das weiß er auch?"
,, Ja, natürlich!"
Bald ist der Vorfall vergessen. Die Genossen wandern in der Zelle auf und ab, sprechen, lachen, necken sich. Schach wird gespielt und' Sechsundsechzig. Köhler, der lange SA- Mann, liest zum zweiten Male Lichtenstein" von Hauff, das einzige Buch, das auf dem Saal ist. Ein Gefangener hat es heimlich vom Unter
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