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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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einander die Schiffstreppe hinauf und zuletzt eine ältere, ehr­würdige Matrone.

Wir wollten auch etwas von dem Besuch haben und kletterten vorsichtig die Jakobsleiter hinauf, die wir am Vorschiff herab­gelassen hatten. Als der erste über die Bordwand stieg, war das ganze Pensionat auf der Back versammelt. Ein Mädel kreischte auch sogleich auf, als sie den splitternackten Mann an der Schiffs­wand auftauchen sah. Rot wie ein Puterhahn stürzte der Alte auf uns zu und machte uns einen mordsmäßigen Krach. Aber wir mußten an Bord. Züchtig drehten sich die Damen um, und wir schlichen nackt und wassertriefend hinter ihren Rücken in unser Logis.

Der Alte konnte sich über unsere Sittenlosigkeit gar nicht be­ruhigen; immer und immer wieder entschuldigte er sich bei den Damen.

Wir kleideten uns an; sie besichtigten unser Schiff. Es waren verdammt nette Mädel dabei. Ein herzerfrischender Anblick. Lustig flatterten die Röcke, als sie die steilen Treppen zur Kom­mandobrücke hinaufstiegen.

Unser Koch, ein altes, klumpfüßiges Ekel, begrüßte plötzlich einige Mädel, als sie an seiner Kombüse vorüberkamen, schüttelte ihnen die Hände und begann sogleich mit ihnen zu radebrechen. Der Alte stutzte, der erste Offizier stutzte. Woher kennt der Kerl die Damen? Aber sie gingen weiter und zeigten dem Be­such den Motorraum. Anschließend wurde noch ein Gläschen Wein getrunken und dann Abschied genommen.

Unser Alter war hoch in Form. Jeder jungen Dame schüttelte er die Hand, und von der ehrwürdigen Matrone verabschiedete er sich, ganz Gentleman, sogar mit einem Handkuẞ.

Der Koch sah sich das alles kopfschüttelnd an.

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