Kreibel übersieht in diesen Tagen erst ganz, wie abgeschnitten er vom Leben gewesen ist, wie wenig er trotz Klopfen und Zuflüstern von dem erfahren hat, was draußen und auch im Lager, in seiner nächsten Umgebung vor sich ging.
Er erfährt, daß die Genossen Lux und Esser und Drescher und manche andere durch Mißhandlungen in den Selbstmord getrieben; daß die Genossen Lindau und Retslag hingerichtet worden sind...
,, Du, Walter, was sagst du dazu, Kampers und Horn haben in öffentlichen Erklärungen die Partei beschimpft. Zum Dank dafür wurden sie auch von der Stapo entlassen."
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Viele Genossen sind schwach geworden und haben Verrat begangen."
,, Und Zirbes ist verschwunden. Der soll eines Sonntags von unsern Frauen verprügelt worden sein. Die Stapo hat ihn aus dem Lager entfernt."
, Lenzer und Meisel sind auch geflogen. Ach du, das muß ich dir erzählen..."
Von allen Seiten werden Kreibel Neuigkeiten zugetragen. Er nimmt sie gierig in sich auf. Er läßt sich von den politischen Ereignissen der letzten Monate berichten, von der illegalen Arbeit der Partei, von der Tätigkeit emigrierter und dem Schicksal verhafteter Genossen.
Besonders der kleine, hagere Siebel mit dem glattpolierten Schädel und dem winzigen, hochstehenden Nasenstummel macht sich an ihn heran. Er ist kurzsichtig; wenn er mit Kreibel spricht, rückt er das Gesicht ganz vor und bespritzt Kreibel mit Speichel. Wir hatten einen Rittmeister auf dem Saal. Kein dummer Kerl. Einer von den Strasserleuten. Ich habe oft mit ihm diskutiert. Militärpolitik, du weißt doch, das ist mein Metier. Sehr in
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