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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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Die Kalfaktoren stellen einen Eimer Kaffee herein. Neunund­dreißig Stück Brot werden auf den Tisch gezählt. Wie Lühring sich umdreht und auf die Tür zugeht, fliegt schnell ein Stück Weißbrot zu den abgezählten Stücken.

,, Achtung!"

Die Gefangenen nehmen wieder stramme Haltung an. Lühring verläßt den Saal.

Kreibel sitzt neben Welsen. Zum erstenmal seit Monaten iẞt er belegtes Brot. Von allen Seiten wird ihm angeboten.

,, Probier mal diese Gekochte; ich habe leider nicht mehr viel davon!"

,, Walter, willst du Schmalz? Dann nimm Zwiebel dazu. Schmalz und Zwiebel zusammen schmeckt ausgezeichnet!"

,, Hier, gute Marmelade. Noch von meinem letzten Besuch!" Aber Kreibel hat keinen Appetit. Fast die ganze Nacht lag er wach, der Schlaf wollte und wollte nicht kommen, obgleich ihn Müdigkeit quälte. Rasiert, Haare geschnitten, gebadet, unter Ge­nossen, zuviel auf einmal. Und alles kommt so plötzlich; ohne jeden Übergang. In der Dunkelhaft sehnte er sich nach Licht. Einzelhaft in einer hellen Zelle betrachtete er als angenehme Haft. In der tödlichen Einsamkeit der Einzelhaft beneidete er die Genossen in Gemeinschaft. Nun ist er in Gemeinschaft, aber er wird dessen noch nicht froh; er kann das Gewesene nicht so schnell abschütteln, die lauten Nächte der Einzelhaft liegen ihm noch in den Ohren.

,, Genossen", sagt er plötzlich während des Essens ,,, ich möchte nie wieder in Einzelhaft!"

Die Gefangenen blicken ihn an und schweigen.

,, Nu, wo du hier büst, kummst du ok nich wedder in Eenzelhaft!" Kesselklein findet als erster tröstende Worte.

Welsen sagt nichts, aber er legt seinen Arm um Kreibels Schulter.

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