Aus Liebe zum Organisieren, nicht um den Gefangenen ihr Los zu erleichtern, trifft Harms Maßnahmen, die auch den Gefangenen zugute kommen. Die Post wird pünktlicher ausgeteilt. Die Besuchszeit für die Gefangenen genau festgelegt. Freistunden werden regelmäßiger angesetzt. Die Bettwäsche terminmäßig gewechselt. Alle vier Wochen wird zum Baden geführt. Harms liebt es, überraschend auf die Säle zu kommen. Die Gefangenen müssen dann die Hände vorstrecken, einen Stiefel ausziehn und die Füße zeigen. Harms prüft außerdem die Sauberkeit der Eßgeschirre und die Ordnung der Spinde. Nur in die Einzelzellen geht er nicht. Er weiß, die Einzelhäftlinge haben oft kein Eẞgeschirr, sondern essen aus der Waschschüssel, haben gewöhnlich weder Kamm noch Spiegel und werden oft monatelang weder gebadet noch rasiert. Aber er ordnet an, daß häufiger die Zellenfenster geöffnet werden, damit es in den Zellen nicht zu sehr nach Schweiß und Kot stinkt.
Eines Tages, gegen Ende Januar, wird Torsten aufgefordert, sofort seine Sachen zu packen. Der Wachtmeister teilt ihm mit, daß er ins Untersuchungsgefängnis überführt wird.
Torsten holt tief Atem: das ist eine Freudenbotschaft. Das Konzentrationslager überstanden, heißt viel überstanden; alles was nun noch vor ihm liegt, kann nicht halb so schlimm sein. Schnell kleidet er sich um, rafft die Anstaltssachen zusammen breitet die Wolldecke aus und wirft alles hinein.
Wieder in seinem Privatzeug, ist ihm gleich wohler; er fühlt sich als Mensch. Dann nimmt er Abschied von der Zelle, in der er Monate gelebt hat. Jeden Riß an der Decke, jeden Farbenstrich an den Wänden, die Roststellen an der Zellentür, alles betrachtet er noch einmal. Wie oft ist in den langen, einsamen Wochen sein Blick darauf gefallen?
269


