Druckschrift 
Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
254
Einzelbild herunterladen

Fassungslos ist Kreibels Zellennachbar, wie der Wachtmeister, den er Post austragen hört, an seiner Tür vorübergeht. Eine schreckliche Angst kommt über ihn. Der Wachtmeister irrt. Er muß doch heute Post haben. Es ist doch anders gar nicht denk- bar. Und er stürzt trotz des Verbots an die Tür und hämmert mit seinen Fäusten dagegen.

Kein Wachtmeister hört ihn und kommt...

Den jungen Gefangenen würgt es in der Kehle; ihn packt eine grenzenlose Verlassenheit und Hilflosigkeit...

Was ist passiert?

Was ist mit der Mutter, daß sie nicht schreibt?

Angst und Enttäuschung steigen wie Übelkeit in ihm hoch... Er hört Schritte. Sie wecken neue Hoffnungen. Mit angehaltenem Atem horcht er... Ja, vor seiner Tür bleibt der Wachtmeister stehen. Der Gefangene merkt, wie leise der Deckel vom Spion beiseite geschoben wird. Er wird beobachtet.

Otten und Nußbeck treten in die Zelle. Zwei Briefe hat Otten in der Hand. Hansen hat sie sofort bemerkt, und ein glückhaftes Lächeln huscht über sein Gesicht... Also doch!

Wie alt bist du? fragt Nußbeck.

Achtzehn Jahre, Herr Wachtmeister!"

Und dann noch so ein Mutterpüppchen?... Mit achtzehn Jahren ist man doch schon ein Mann... Du scheinst aber noch ein richtiges Schürzenkind zu sein?

Der Gefangene blickt nur auf die Hand mit den Briefen.

Wie heißt deine Mutter mit Vornamen?

Pauline, Herr Wachtmeister!

Und wohnt?

Hufnerstraße 6, Herr Wachtmeister!

Nußbeck betrachtet die beiden Briefe und gibt sie Otten. Der ruft:

254