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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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Im Saal 2 ist lange über diese Frage diskutiert worden. Es gibt noch viele, die persönlich Rache üben, die Gleiches mit Gleichem vergelten wollen. Stundenlang wird die Frage debattiert: Werden wir unsere gefangenen Gegner mißhandeln? Laut und leiden- schaftlich erklären einige, Prügel, Dunkelhaft, Seelenfoltern alles sollen die Faschisten selber zu spüren bekommen. August Möllner, ein parteiloser Arbeiter, entwirft den Plan, einen humanen Strafvollzug, wie er in der Sowjetunion besteht, ein- zuführen für Mitglieder der NSDAP , der SA und SS und aller sonstigen faschistischen Organisationen jedoch den Straf- vollzug in Anwendung zu bringen, den sie selber gegen die Arbeiter eingeführt haben. Einige weisen darauf hin, daß das Prügeln eine rein negative Sache sei, daß Wichtigeres zu tun sein werde, als die Gegner zu quälen; daß es überhaupt nicht Kommunistenart sei, Menschen zu quälen; daß überdies ein großer Teil der proletarischen SA-Leute noch für den Klassen- kampf gewonnen werden müsse; daß man den Klassengegner wohl vernichten, aber nicht martern werde.

Einer macht den Vorschlag, in dieser Frage eine Abstimmung vorzunehmen. Jeder bekommt einen kleinen Zettel, auf den er seine Ansicht schreiben soll.

Die Zettel werden durch Ali verteilt. Dann wird nicht weiter über die Sache gesprochen. Manche überlegen lange, bevor sie den Zettel abgeben... Beim Abendessen erhebt sich Welsen.

Genossen, ich will euch das Resultat derAbstimmung mitteilen. Mit einem Male ist jeder wieder neugierig. Alle Blicke hängen an Welsens Mund.

Von uns siebenunddreißig Genossen haben sich fünfunddreißig an der Abstimmung beteiligt. Dreiunddreißig Genossen haben für Erschießen, einer für Erhängen, einer für Totprügeln ge- stimmt. S

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