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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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kommandant ist nicht anwesend... Sein Stellvertreter? Riedel blickt auf den Sturmführer Dusenschön, der im Zimmer steht, aber energisch abwinkt.Leider ist auch der Stellvertreter des Kommandanten nicht anwesend... Was? Wie?... Aber er- lauben Sie mal! Wie können Sie so etwas behaupten?... Wie? ... Sie machen sich strafbar, Frau Koltwitz... Wie?... Ent- schuldigen Sie, aber ich kann Sie nicht weiter anhören!

Riedel hängt den Hörer an. ‚Verlegen blickt er auf den Sturm- führer.

Na, lacht Dusenschön.Hat sie ihrem Herzen Luft gemacht? Warum überlaßt ihr das immer mir?

Etwas mußt du doch auch tun! Übrigens, wer ist denn ihr? Sei vorsichtig, Willi, der Alte ist sowieso nicht gut auf dich zu sprechen... Schließlich kann man nicht verlangen, daß er bei jeder Frau eines Gefangenen, der sich erhängt, Beileidsvisite macht. Das ginge wohl zu weit!

In diesem Augenblick fährt das Auto mit der Leiche Koltwitz durch das Tor des A-Baues und an der Kommandantur vorbei. Riedel und Dusenschön sehen aus dem Fenster. Scharführer Harden bleibt, als ginge ihn das alles gar nichts an, vor seiner Schreibmaschine sitzen.

Das große, doppelt gesicherte Lagertor wird geöffnet. Als der Schofför des Leichenautos hinausfährt, hupt er zweimal. Stinkt! Stinkt! Ab! Ab! ahmt Dusenschön aufgeräumt das Hupen nach.

Das schwere Tor wird wieder geschlossen.

Unter den Zugängen fällt ein großer, schlanker Mann auf, der

um den Hals, auf dem Selbstbinder, einen großen Orden hängen hat. Außerdem trägt er am Rockaufschlag seines grauen Jacketts einige Ordensbänder und unter dem Herzen, auf den Rock ge-

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