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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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,, Den Koltwitz laßt man heute in Ruhe!"

Meisels Augen werden klein und böse:" Willst du mir Vor­schriften machen?"

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Vorschriften? Nein! Ich sage dir nur, du sollst den Koltwitz heute in Ruhe lassen!"

Meisel erwidert kein Wort; er ist äußerlich ruhig, in Wahrheit jedoch möchte er über Lenzer herfallen. Hole zwei Peitschen aus dem Schulraum!" wendet er sich an Teutsch.

Der verläßt die Wachtstube.

,, Was fällt dir eigentlich ein?" zischt Meisel Lenzer an. Kümmere dich gefälligst nicht um meine Angelegenheiten! Wer gibt dir eigentlich das Recht, hier derartig aufzutrumpfen?"

,, Erst einmal, bevor der Teutsch zurückkommt, diese acht Mark. Dein Anteil von den letzten Lieferungen!" Lenzer reicht ihm das Geld hin.

Einen Augenblick zögert Meisel. Sollte das Geld, sollten die ge­meinsamen Geschäfte ihn gefügig machen? Er möchte es zurück­weisen, aber er braucht es, braucht es dringend. Und er nimmt es. ,, Kommt mir sehr zupaß... Aber, sag mal, Robert, warum willst du den Juden schonen?"

,, Ich will keinen Juden schonen, ich will nur nicht, daß er während meiner Wache totgeschlagen wird; denn der Koltwitz pfeift auf dem letzten Loch!"

Teutsch kommt herein, die beiden Nilpferdpeitschen in der Hand. Meisel winkt ab:" Heute nicht, morgen! Aber einen kleinen Schrecken werden wir dem Juden doch einjagen!" Er verläßt mit Teutsch die Wachtstube, knipst das Licht in Kolt­witz' Zelle an und sieht durch den Spion. Der Gefangene liegt mit schreckhaft aufgerissenen Augen ängstlich lauschend auf der Pritsche. Meisel klopft mit der Faust gegen die Tür.

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