Kaum hat sich Miesicke von der Freude erholt, wird er über- mütig, lacht, springt und rennt im Saal herum, schüttelt diesem und jenem die Hand, verspricht alles, was man von ihm wünscht, und kann sich vor Glückseligkeit nicht lassen. Der Seemann Kesselklein warnt:„Dat dicke Ende kummt noch. De Hüpperä!” „Laß dir nicht bange machen, Miesicke!” beruhigt ihn Schnee- mann.„Das hat der Zirbes im Scherz gesagt!” „Na, ik weet nich, denn droo ik all’ns to!” Gleich muß der Wachtmeister kommen und Miesicke holen, und Miesicke möchte zu gerne einige Worte an die Gefangenen richten, mit denen er doch nun viele Wochen zusammengelebt hat. Miesicke kann reden, wenn er Krawatten, Herrenhemden und Socken verkaufen will; er kann aber nicht reden, nun, da er sich von seinen Mitgefangenen, von Kommunisten, ver- -abschieden will. Die Worte bleiben ihm im Halse stecken. Seine Abschiedsrede ist ein stammelndes Versprechen, zu schreiben und Rauchwaren zu schicken. Wie der Wachtmeister Zirbes aufschließt, rafft Miesicke seine Sachen zusammen und stürzt mit einem„Auf Wiedersehen!” hinaus. Zwanzig Minuten später steht er jenseits der Lagermauern und rennt allen anderen entlassenen Gefangenen weit voraus, nach
Daß der Jude Miesicke entlassen worden ist, muß der Jude Koltwitz büßen. Obertruppführer Meisel kann es gar nicht fassen, daß, wie er sich ausdrückt, dieser Dreckjude wieder auf die Menschheit losgelassen wird.„Paß auf!” meint er zu Zirbes, „in den nächsten Tagen wird auch dieser Koltwitz entlassen. Ich verstehe die Stapo nicht!”
166


