Druckschrift 
Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
92
Einzelbild herunterladen

ihn zu spät geweckt. Auf der mitleidlosen Fahlheit zu seinen Füßen schaukelten Schatten. Er war der letzte, den sie an den Galgen würden hissen müssen wie eine schwere, dunkle Fahne.

Mit einem unendlichen Blick maß er das Gelände. Gleich würde er den großen Schritt machen. Seitwärts gewahrte er die Hand seines Henkers, die an der Schraube lag. Wie unter einer Linse, noch einmal, hob. sich die erbarmungslose Landschaft dieser Hand seinem Auge entgegen. Er sah die dunkle Behaarung wie gelichtetes Unterholz, die schmutzigen Gruben der Poren, die Schieferteiche der gebrochenen Nägel, Narben und Falten wie die Hieroglyphen der. Ver- ruchtheit und eines Lebens ohne Trost.

Aber nichts mehr erreichte ihn. Kein Schmerz war in ihm und keine Enttäuschung. Er war ganz allein, und auf die Hand, die nun die Schraube zu drehen begann, spiegelte sein ruhiger Blick den letzten Widerschein von Städten, Menschen, Gefühlen und Erkenntnissen seines geträumten Lebens.