Druckschrift 
Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
86
Einzelbild herunterladen

Als er aus seinen Gedanken zurückfand, war er allein, und das Zimmer lag völlig im Dunkel. Er läutete nach dem Diener, bat um Licht und ließ sich bei dem Freiherrn entschuldigen.

Am nächsten Tag, als das Gesinde beim Essen saß und der glühende Hof im blendenden Lichte des Mittags erstarrte, fuhr Yorck ab, von Wernicke und einem Ver- trauten des Freiherrn begleitet. Der Freiherr umarmte ihn stumm, Annas Hand lag einen Moment lang kühl und trocken an seinen Lippen.

Man hatte ihm neuerlich falsche Papiere mitgegeben. Auch die Abzeichen an seiner Uniform waren geändert worden. Sein Ausweis lautete diesmal auf den Namen eines Oberleutnant R. im Stab eines Armeekorps, der sich von einer Dienstreise nach Berlin zu seinem Stand- ort im Abschnitt von Sandomierz zurückbegab. Des- gleichen war ihr Wagen gewechselt worden. Sie fuhren den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein, schliefen im Wagen, den sie in einem Gehölz versteckt hatten, und waren am nächsten Abend in der Nähe der Weichsel . Yorck kannte die Gegend nicht, in ruhiger Betäubung überließ er sich seinen Begleitern und stellte kaum Fragen. Gegen zehn Uhr abends hielten sie mit ge- löschten Scheinwerfern an einer Waldlichtung, über die bald zwei Männer auf sie zuschritten. Die beiden. ein Unteroffizier und ein Oberfeldwebel, salutierten straff, ohne daß Yorck in seiner Ermüdung bei der gemurmelten Vorstellung ihre Namen verstand. Sie nahmen im Wagen Platz, der Unteroffizier am Steuer, und rollten noch einige Kilometer mit abgeblendeten Lichtern. Der Vollmond trat selten durch ein bewegtes Meer schwarzer Wolken. Hier und da blinkten Sterne

86

| | |