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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
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und Schatten auf kiesbestreuten Wegen vor seiner Stirn vorbeizogen. Etwas beunruhigte ihn wieder, bohrte in ihm, aber er konnte es nicht fassen, er fand kein Wort dafür, und er erwachte und fühlte kalten Schweiß auf der Stirn. Gerade waren sie durch ein Tor in einen Hof eingefahren, an dessen Rückseite die Fassade eines massigen Gebäudes aufragte. Licht fiel von einigen Fenstern auf die Freitreppe, vor der sie hielten. Yorck war wieder ganz wach und sann erregt nach, wann er schon einmal in diesem Hofe gestanden hatte, als er am geöffneten Wagenschlag das Gesicht seines väterlichen Freundes, des Freiherrn v. H., er­blickte. Eine unbeschreibliche Angst und Freude er­füllte ihn.

,, Peter!" rief der Freiherr leise. ,, Willkommen in meinem Hause!" Er reichte ihm die Hand und fuhr fort: ,, Noch jemand ist hier, der dich erwartet", und lächelte dem fragend zu ihm Aufblickenden gütig und verschlagen zu.

Auf den Arm des Freiherrn gestützt, stieg der Leut­nant wie im Traum die Treppe empor. Ein Setter strich um seine Knie, die Ampel über der Pforte sah er durch den Nebel jäher Tränen. In einem Zimmer, das er wohl kannte, war ihm schon ein Lager bereitet, in tiefer, froher Benommenheit ging sein schweifender Blick über die Bilder an den Wänden, die Bücher, den schwarzen Stutzflügel, die Kerzen auf dem Tisch.

Ein Diener und Wernicke richteten die Tafel im Nebenzimmer. Der Freiherr sprach leise zu ihnen und verließ den Raum. Yorck stand am Fenster, in dem er undeutlich sein Spiegelbild erblickte. Die Wärme in dem schmalen, langen Gemach schläferte ihn ein, er

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