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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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Weg schaukelte, hatte Reichmann Gelegenheit zu er­fahren, wo er sich befand und wohin man ihn brachte. Der General Tsu En Lai, einer der höchsten Befehls­haber im ,, Besonderen Gebiet" der achten chinesischen Armee. Obwohl er meist in Tschungking weile, be­richtete Feng, wo er an den Regierungsarbeiten und der Kriegsführung den regsten Anteil nehme, sei er von Zeit zu Zeit in Yenan, um die hiesigen Behör­den über die Pläne und Leistungen der Zentralregierung zu unterrichten.

Die letzten Worte schien Feng nicht ohne Bitterkeit zu sprechen. Doch achtete der Maler wenig darauf. Er sann darüber nach, wie einfach und überraschungs­los die weltentlegenen Namen ihm ins Ohr gingen. Alles schien auf einmal die Bestätigung einer seit langem tief verborgenen Ahnung zu sein: Fengs ruhige Stimme, sein langsames, ein wenig feierliches Englisch, der an- und abschwellende Gesang des Motors, die Schläge eines Gongs, die aus einem Hain tönten. Feng fragte ihn nicht, woher er käme, was er beabsichtige, als wisse er alles. Er zeigte auf die Bauern in den Feldern und sprach von ihrer Arbeit, als gäbe es nichts Wichtigeres. Seine Stimme wurde lauter; nicht ohne Leidenschaft erzählte er, man habe den Ertrag durch eine sinnvollere Einteilung der Arbeit, durch besseres Pflügen und andere Maßnahmen trotz der kriegerischen Verwicklungen um ein Bedeutendes er­höhen können.

Yenan, dachte Reichmann, als sie die ersten ein­stöckigen Häuser erreichten. Er fragte sich nicht, wie er hierher gekommen war. Es genügte, zwischen dem Hier, der Zuflucht, und dem Dort, der unverständ­

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