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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
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evakuierten Stadt. Durch die flimmernden Ebenen pfiffen die Züge, die die lebensgierigen Ferienreisenden des letzten Vorkriegssommers nach allen Himmelsrich- tungen entführten. Die Fassaden des Quartier Latin schienen wie Papier zu wallen, aus dem jeden Augen- blick die Flamme schießen konnte. Ein fahles Licht brodelte in den Straßen.

Reichmann gewahrte es im Spiegel, der den Wider- schein der Blätter an den Straßenbäumen ins Gelbliche färbte. Plötzlich entsann er sich eines Morgens in Neapel , der einem Erdbeben vorausgegangen war damals hatte dieses fremde Gelb die Atmosphäre ge- füllt, in der sich nicht atmen ließ und die Geräusche jede Beziehung zu ihren Urhebern verloren. Sein Blick versenkte sich in das eigene, aus tausend Selbststudien vertraute Gesicht: da war ein Fünfundvierzigjähriger, der wie ein Sechziger aussah, mit lederfarbener Haut, breitem Mund und breiter Stirn, ein fränkischer Bauer, dem das eisengraue Haar unordentlich über die Augen fiel. Diese Augen sie waren wohl am schwersten festzuhalten; dem eigenen Blick entglitten sie immer wieder, die weit auseinandergestellten Augen eines Trinkers oder Rhapsoden von sanftem und verwirrtem Ausdruck, deren Pupillen mit der verwaschenen Iris sich leicht nach oben kehrten und das Weiße sehen ließen.

Hinter ihm sprachen zwei Männer halblaut über die Kriegsgefahr.Diesmal ist es soweit. Diese ständigen Mobilmachungen... Dann ist es schon besser... Reichmann drehte sich um und überblickte den Raum. Der fahle Schein, der von außen hereindrang, schien ständig stärker zu werden. Fünf, sechs Gäste saßen

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