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Wo seine Zeugen sterben, ist sein Reich : Briefe der enthaupteten Lübecker Geistlichen und Berichte von Augenzeugen / zsgest. von Josef Schäfer
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Es war gut so, denn später schämte ich mich dieses feigen Gedankens.

Mein Vater aber leugnete auch nicht und wider- rief nicht. Er hat die Wahrheit viel zu sehr geliebt, als daß er sie jemals verraten haben könnte. Da- für wurde er am 23. Juni 1943 zum Tode verurteilt. Ich war zu der Zeit im Arbeitsdienst. Im Früh- jahr 1943 hatte ich mein Abitur bestanden, und es war für uns ein heimlicher Triumph und für meinen Vater eine Freude, daß ich als einzige meinen Abituraufsatz vor versammelter Zuhörer- schaft vorlesen mußte, ich, die Tochter des ein- gekerkertenpolitischen Verbrechers"!

Im Arbeitsdienst stand ich oft allein, da man sich fürchtete, mit der Tochter des Pastor Stellbrink näher zu verkehren. Mein Fall war bekannt ge- worden, da ich meine Führerin um Urlaub gebeten hatte, Es wurde ein trauriger Urlaub. Einen Tag, bevor mein Vater nach Hamburg abtransportiert wurde, durfte ich ihn noch einmal besuchen. Ich sollte Abschied nehmen für immer, doch war es mir, als könnte dies der letzte Abschied noch nicht

sein, Ich fand meinen Vater ruhig und gefaßt, wie immer, wenn einer von uns Kindern mitkam, Ab

und zu rieb er sich sein linkes, vom ersten Welt- krieg her verstümmeltes Handgelenk, das gerötet war von den Fesseln, die er seit seinem Todes- urteil tragen mußte. Schon der bloße Gedanke daran schmerzte uns gewiß ebensosehr wie ihn die Fesseln schmerzen mußten. Er spürte den leisen Vorwurf in meinen Augen und die brennende,

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