... Heute, da ich diesen Brief beginne, ist der 20. Februar, der Geburtstag unserer Aeltesten. Ihr staunt, daß ich es weiß und daran denke. Dabei bringe ich so ziemlich alle Eure Geburtsdaten zusammen, nur bei zweien bin ich etwas unsicher... Heute morgen lag der arg strapazierte Brief von P. auf meinem Tisch. Man freut sich über jede Zeile, auch wenn sie verspätet kommt. P. konnte ja nicht annehmen, daß seine Weihnachtsgrüße fast gar Osterwünsche enthalten konnten. Allen Postsachen aus der betreffenden Gegend ist es so ergangen. Freuen wir uns, daß und solange uns überhaupt noch etwas erreicht! Auch das wird eines Tages nicht mehr sein. Wir sollen darum um so eindringlicher aneinander denken, denn: auch Gedanken und Empfindungen übertragen sich und werden auf geheimnisvolle Weise irgendwie wirksam.( Vom Gebet, das auf einer anderen Ebene liegt, nicht zu reden.)
Eben habe ich die Lektüre eines Romans beendet, den ich in Hand und Herz jedes einzelnen von Euch wünschte, weil er eine überaus gesunde Philosophie über Leid und Tod enthält: ,, Le sens de la mort", Sinn des Todes, aber der Inhalt sagt ebensoviel vom Sinn des Lebens. Beides ist ja nicht voneinander zu trennen Es scheint, als ob die dem Roman zugrunde liegende positiv gläubige, literarisch künstlerische Richtung sich weiterpflanzen würde, wenn, wie man jüngeren Intellektuellen abliest, Charles Peguy heute im Mittelpunkt steht. P. hat in Dichtung und Prosa Dinge von höchster Feinheit geschrieben. Seine kleineren Schilderungen von Land und Leuten erinnern mich lebhaft an manche über Scholle und Reben gebeugten Männer und Frauen der Savoie. Daß Ihr noch ein paar Frühlingstage zusammen verleben durftet, war wirklich schön. Zur Zeit wird es schon nicht mehr möglich sein. Möchtet Ihr alle die kommenden Wochen glücklich überstehen. Das wünscht von Herzen
Vater.
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NB. Es ist strengstens verboten, den Briefen Geldscheine oder Lebensmittelmarken beizulegen.
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