Gesellenvaters Hürth, der nach Zeitungsnotiz am 27. 9. in Köln getötet wurde.
Um mich abzulenken, las ich u. a. den 460 Seiten starken Wälzer über den Archäologen Theodor Wiegand , den erfolgreichen Ausgraber und Schöpfer des Pergamonmuseums. Sohn eines kurhesvon sich sischen Vaters und einer rheinischen Mutter, hat er gesagt, er habe zu einer bestimmten Zeit das Gefühl gehabt, innerlich ärmer geworden zu sein, seit er die von der rheinischen Mutter ererbte romantische Natur in sich zu überwinden gesucht habe. Da dachte ich an Euch. Auch Ihr habt ein solches Muttererbe in Euch. Wahrt es Euch und hütet Euch sowohl vor Verzweiflung wie vor Versandung! Im Andenken an die Toten unserer Familie, mit innigen Wünschen für Eurer und Eurer Geschwister Wohlergehen
Vater.
1. November Allerheiligen. Ein Sonnenstrahl bricht durch das graue Gewölk, da ich diese Zeilen schreibe. Erinnerungen steigen auf. Ich sehe mich mit Jugendfreunden im Gedränge auf den Friedhöfen unserer elsässischen Heimat, wandernd von Grab zu Grab, ein Meer von Lichtern und Kränzen. Noch spüre ich den Duft der Astern. Später, wie wir jeweils zusammen mit Mutter auf den Nordfriedhof pilgerten zu Großvaters Grab. Vorbei, alles dahin, und ich kann mir die verwüsteten und verwaisten Gräber vorstellen. So wandern wir denn in Erinnerungen weiter vcn einem Grab zu anderen, halten Zwiesprache mit unseren Toten und bitten ihnen ab, was wir verkehrt getan. Vergeßt es nicht im Euren Brief vom 5. 10. habe ich am Monat der Armen Seelen!
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1) Gemeint sind Nikolaus Groß , Köln , Schriftleiter der ,, Ketteler Wacht" und Bernhard Letterhaus , Köln , Verbandssekretär der Katholischen Arbeitervereine Westdeutschlands; beide im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet. Näheres in den Erinnerungen des Gefängnisgeistlichen Pfarrer Buchholz.
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