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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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band sie allezeit, über alle Mißverständnisse, die Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen des anderen. Um diese Gaben bitte ich für Euch. Daß Ihr Euch über alle Lebensdunkelheiten hinweg den Glauben und das Vertrauen zum Ewigen und Allgütigen bewahrt, der Gottesmutter von der Immerwährenden Hilfe stets nahe bleibt und Euch jederzeit mit der Gemeinschaft der Gläubigen, der Le­benden und Toten, verbunden fühlt!

Und Ehrfurcht habt voreinander! Wie wahr und schön sagt es unser elsässischer Landsmann Albert Schweitzer in seinen ,, Ju­genderinnerungen": ,, Sich kennen, will nicht heißen, alles von­einander wissen, sondern Liebe und Vertrauen zueinander haben und an den anderen glauben. Auch die Seele hat ihre Hülle, deren man sie nicht entkleiden soll. Keiner von uns darf zum anderen sagen: weil wir so und so zusammengehören, habe ich das Recht, alle Deine Gedanken zu kennen. Alles Fordern dieser Art ist töricht und unheilvoll. Hier gibt es nur Geben, das Geben weckt."

Wahrt in geschwisterlicher Anhänglichkeit den Zusammenhang mit Euren Brüdern und Schwestern. Was immer Euch heilig ge­golten, daran haltet fest und unter allen Umständen! Dann wird Euch vieles andere zufallen. Es segne und behüte Euch der Drei­faltige Gott, das Licht vom Himmel, das die dunkelste Nacht er­hellt! 2. 5. Lese eben tief erschüttert Euren Brief vom 23. 4. Furchtbar, diese Unglücke, und rätselhaft! Und doch: Gott ist gut und nie gegen unser Heil! Tragen und vertrauen wir, wie Job es getan.

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In Liebe und Treue Vater.

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Dachau , 3 K, den 10. 6. 1944

Pfingstsonntag! Ein selten schöner Morgen. Rund um, im Blau verloren, trillern die Lerchen. Eben habe ich mich im Schott etwas eingefühlt in den Gedanken des lieblichsten aller Feste. Wie not tut uns allen die Durchwirkung des Heiligen Geistes, in seiner Gaben Zahl! Daß er wasche, was beflecket ist, heile, was verwundet ist, tränke, was da dürre steht, beuge, was

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