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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
Entstehung
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chen?... Ich verstehe Eure Müdigkeit und wandere in Gedanken mit Euch durch die zerstörten Gebiete. Es wird noch schlimmer werden! Wohl dem, der sich in diesen Tagen in Gottes Schutz weiß und nicht aufhört zu glauben und zu vertrauen...

Das Bild Unserer Lieben Frau glaubte ich zu sehen, zart und wie auf Goldgrund gemalt, als ich anläßlich eines musikalischen Probeabends wieder einmal das einzig schöne Wiegenlied von Reger hörte: ,, Maria im Rosenhag ". Zugleich wurden zwei Quar­tette von Beethoven und Schubert stimmungsreich wiedergege­ben. Da Bücher die Freude meiner freien Stunden sind und unsere Lagerbibliothek wirklich gut ist, konnte ich in der Zwischenzeit wieder Schönes lesen. So bin ich etwas vertraut geworden mit dem Leben, Denken und Sterben von Sokrates . Wie weit vorge­drungen war doch die Weisheit der Alten in der Erfassung der Welt ewiger Ideen, und wieviel an ethischen Werten war vorge­bildet, bis in Christus die volle Wahrheit aufging! Am tiefsten ergriffen mich die letzten Gespräche des Sokrates mit seinen Freunden. Erhaben und groß...

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Dachau , 3 K, den 6 Mai 1944

... Gott sei Dank, daß Ihr beide heil geblieben! Ich warte in Schmerzen auf Einzelheiten. Da man nicht weiß, wie lange noch vor Eurer Hochzeit eine normale Korrespondenz möglich ist, möchte ich Euch heute schon ein Besonderes sagen: Der Augen­blick, da Ihr Euch vom Elternhaus löst, um mit Eurem Gatten ein eigenes Leben zu leben, ist hoch bedeutsam auch für mich. Zum ersten Mal schicke ich mich an, nach alter Väter Sitte, Euch zum beginnenden Leben zu Zweien die Hand aufzulegen und Euch aus der Kraft, die von oben kommt, zu segnen. Wie gerne hätte ich es mit Eurer verstorbenen Mutter zusammen getan, mit ihr, die wahrhaft groß und beispielhaft gewesen in der unwandelbaren Liebe zum Gatten und in der selbstvergessenen Hingabe an die Familie. Sie hatte, als Geschenk einer gesunden Natur, einen unge­brochenen Gottesglauben, eine tiefe Liebe zur Gottesmutter und ein lebendiges kirchliches Gemeinschaftsbewußtsein. Damit ver­

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