Druckschrift 
Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
Entstehung
Seite
178
Einzelbild herunterladen

Dachau , 3 K, 1. 1. 1944 Alle Pakete waren rechtzeitig da und so reich, daß man, ohne sich selbst zu vergessen, an die verlassenen Kameraden denken konnte. Allenthalben wurde dafür gesammelt und mit respektab­lem Erfolg. Und so konnten vor allem Kranke und besonders Be­dürftige bescheert werden. Die Kameraden rückten am Heiligen Abend zusammen, geschmückte Christbäumchen, Lieder und etwas Musik auf allen Blöcken auch das Kirchliche war mir möglich. Wie schade, daß Ihr den Heiligen Abend nicht miteinander dort verleben konntet. Vielleicht geht es an Silvester, was allerdings nicht das gleiche ist. Im Blütenregen der Erinnerungen von Weih­nachten liegen Friede und Herzensfreude beschlossen, während im Lärm eines Silvesterabends die dunkle ,, Frage an das Schicksal" und etwas Beklommenheit steht. Weihnachten ist ein offenes Tor, Silvester ist verschlossen. Möchte das kommende Schicksalsjahr uns gnädig bedenken! Es möge uns keine unheilbaren Wun­den schlagen! Was ich meine, ist das: aus dem Fleische kann man Wunden herausschneiden, aber es ist viel schwieriger, sie aus dem Geiste zu entfernen, und fast unmöglich, sie aus der Seele zu lösen. Davor bewahre uns der gütige Gott, der die Welt in seinen Händen hält! Zum Silvesterabend hörte ich eine geist­liche Konzertstunde für Orgel, Violine, Cello und Chor. Hirtenlieder von Bach und Cornelius. Indes mein Gemüt sich erhob, weilten meine Gedanken bei Euch und den Unseren...

...

1

-

Dachau , 3 K, April 1944

Zur Ausfüllung von Lücken las ich Hebbel in seinen Briefen und Tagebüchern. Sehr interessant, aber- infolge der sich häu­fenden Widersprüche im Menschen und Dichter H.( und man kann sie doch nicht voneinander trennen) blieb ich in der Mitte stecken. Die Loslösung von Luise Lensing kann ich beim besten Willen nicht als ,, Mut zur klaren notwendigen Entwicklung und natürlichen kräftigen Sinnlichkeit" ansehen; schon eher als be­kannte, sehr häufig sichtbare Scheu vor letzter Verantwortung. Ob die nachfolgenden Werke des Dichters das wirklich ausglei­

178

C

D

V

P

a

E

F

t

b