Und man muß auf jede Gefahr hin dem falschen Evangelium der Unmenschlichkeit gegenüber die voll im Menschen wirkenden christlichen Werte entgegensetzen: die Zartheit und die Güte, das Wohlwollen und das Mitleid allen denen gegenüber, die leiden, die Verteidigung der Unterdrückten und die stille Ergebenheit an sie, der Widerstand gegen die Lüge, der Mut, das Schlechte mit seinem Namen zu nennen, der Geist des Friedens und der Eintracht, die Offenherzigkeit, der Gedanke an den Himmel... 5)
,, Die Gnade für heute und morgen läge darin, daß es uns gelänge, Streiter Christi zu sein, betend, wirkend, erkennend, verantwortend, aus Liebe zu Gott und den Menschen. Dies ist die einzige Form, die es dem Menschen ermöglicht zu leben, wo er unabweislich leben muß, zwischen Himmel und Hölle, auf dem Schauplatz der Geschichte und im Angesicht ihres Richters." Diese Sätze sind gesprochen von Reinhold Schneider, dem Freiburger Kulturphilosophen und Dichter). Kein Geringerer als Graf d'Harcourt von der Académie Francaise hat auf diesen seltsam begnadeten Mann hingewiesen, dessen geschichtsphilosophisches Hauptwerk ,, Macht und Gnade" als totaler Widerspruch gegen den dämonischen Machtwahn Hitlers seinerzeit berechtigtes Aufsehen erregte. Reinhold Schneider ist einer der bislang sichtbar gewordenen, erleuchteten katholischen Deutschen , denen es gegeben ist, für das Erlebnis der Schuld und Sühne eine echte und würdige Formulierung zu finden, ein Formulierung, die mehr ist als eine bloße Wortwendung. Das eben macht ihn zum berufenen Künder der notwendigen Einkehr, Umkehr und einer wirklichen Wandlung im deutschen Volk, für die nach 1918 die psychologischen Voraussetzungen weithin gefehlt haben, die jetzt aber kommen muß, wenn es in Europa Frieden und Zukunft geben soll.
Der Zusammenstoß des Christentums mit der Wirklichkeit ist
5) de Lubac, a. a. O. S. 135, 136.
6) Vortrag: ,, Der Mensch vor dem Gericht der Geschichte", gehalten im Frühjahr 1946, in Freiburg im Breisgau.
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