Die Erziehung zum mündigen Christen kann nicht ernst genug genommen werden! Uebersehen wir nicht: In dem Maße, wie sich das Gefüge der Kirche aufwärts entwickelte und verdichtete zu immer stärkerer autoritativer Zusammenfassung, hat sich anderseits eine Abwärtsbewegung entfaltet, eine Bewegung von ihr weg, in der Verselbständigung immer weiterer weltlicher Sachgebiete und Räume bis zur vollendeten Entleerung von jedwedem religiösen Gehalt, ja bis zur Gottlosigkeit als Massenerscheinung. Gottesnähe der Kirche und Tiefe des atheistischen Massenwesens! Dieser Spalt kann sich nur wieder schließen vom mündigen Menschen her. Ihn zu führen, ist schwerer und zugleich dankbarer, als die Leitung oder Bewahrung von Unmündigen. Es gehört dazu jener Mut, jenes Vertrauen und jene Liebe, die wir in einer seltenen Verdichtung zusammenfinden im Kerngehalt der Hirtenbriefe des unlängst zum Kardinal erhobenen Erzbischofs von Toulouse .
Als Erzbischof Saliège am 17. September 1944 einer auf der Place du Capitole in Toulouse einberufenen christlichen Volksversammlung beiwohnen sollte, richtete er an sie eine denkwürdige Botschaft nachstehenden Inhalts:
,, Meine Botschaft ist kurz. Ein einziges Wort faßt sie zusammen: seid wahre Männer!
Ich verlange von Euch, daß Ihr Männer seid der Wahrheit, Verteidiger des freien Gedankens und Primats des Geistes und der Vernunft.
Ich wünsche, daß Ihr nicht denkt auf Kommando, daß Ihr einer Verstümmelung des Verstandes nicht zustimmt.
Seid Männner der Wahrheit, wahrhaftige Männer überall, Zeugen und Bahnbrecher der Loyalität in der Presse, am Radio, in den Verabredungen und in den Verträgen; wahrhaftige Männer, die ihre eingegangenen Verpflichtungen halten, die zu ihren Verantwortungen stehen, die die Meinungen anderer achten und die die Einheit nicht miẞverstehen als einen Friedhof des Verstandes.
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