Druckschrift 
Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
Entstehung
Seite
116
Einzelbild herunterladen

seelisches Bedürfnis geflüchtet; hier glaubten sie auch die Hoffnung gefunden zu haben, deren keiner im KZ entraten konnte, wenn er als Mensch vor sich und vor anderen bestehen wollte. Und wir können keineswegs gering denken über die von vielen bewiesene ideelle und moralische Widerstandskraft! Manche von ihnen hatten ein Jahrzehnt hindurch ein Uebermaß von Trübsal, Quälerei, Ent- täuschungen ausgehalten und es an Mut zur Ueberzeugung nicht fehlen lassen. Mit diesen konnte man sich über alle Fragen mensch- lichen Schicksals austauschen. Nur im Gespräch über Religion und Kirche wurden selbst die besten von ihnen seltsam spröde und wortkarg, als ob sie gefürchtet hätten, das sei zu ihrer Ehre gesagt den gläubigen Kameraden mit ihrer Skepsis, ihrem Miß- trauen, ihrer totalen Abneigung, verletzen zu müssen, wenn sie aus sich heraus gingen. Von ungefähr durch eine unglückliche Wen- dung gereizt, fielen sie sofort aus der Passivität in eine aggressive

Haltung, insbesondere gegen die Kirche,

Selbst bei ruhigen und gemessenen österreichischen Linkspar- teilern brach da unversehens eine Erregung durch, deren Ursprung nicht allein in der religiös-kirchlichen Erfahrungswelt gelegen sein konnte. Der Umgang und die gelegentliche vertrauensvolle Aus- sprache mit erlesenen Geistlichen hinterließen kaum einen sicht- baren oder spürbaren Eindruck. Gerade in religiösen Dingen stießen wir auf einen Grad von seelischer Vereisung, die aufzu-

tauen menschliche Kraft allein offenbar nicht ausreicht.

Natürlich fanden wir auch den Typ jenes gottlosen und kirchen- feindlichen Menschen, wie ihn Berdiajew vor Jahren in einer Studie über diePsychologie der russischen Gottlosigkeit glaubhaft umschrieben hat!). Seine Feststellungen dürften auch für be- stimmte Kreise der mittel- und westeuropäischen Arbeiterwelt zu- treffen. Man glaubt sich gegen Gott und Kirche wenden zu müssen aus der Annahme heraus, diese stünden einer Befreiung des Pro- letariats im Wege. Ein Aufstand gegen Gott also, im Namen der

1) vel.Hochland , 29. Jahrgang, Ba. II, S. 193 ff

116