Fieber sich anmeldeten, wenn das Herz zu versagen begann oder irgendeine andere der bekannten Mangelkrankheiten sie niederwarf. Dann näherten wohl auch sie sich der nachdenklichen Stimmung, die über den Aelteren, den Familienvätern lag. Dann sahen auch sie sich um nach einer geistigen Hilfe, nach einem Zuspruch, nach dem die verlassene, mißhandelte, gequälte und ständig umdrohte Kreatur sich natürlicherweise sehnt.
Wie not tat diesem Massenlager erniedrigter, verlorener Arbeitssklaven ein heilsamer, tröstender und aufrichtender, ein von selbstlosen Menschen ausgehender und von ihnen getragener Einfluß! Und darüber hinaus: Religion, Berührung mit Gott, Christentum und Kirche! Ein Mehr als die Bücher der Lagerbibliothek, und ein total Anderes, als der draußen ausrangierte Filmstreifen oder die zuweilen erlaubten Konzerte der Lagermusik zu geben vermochten.
Waren sie wirklich so fern vom religiösen Glauben, wie es schien und scheinen mußte, diese Massen reichs- und volksdeutscher, luxemburger, belgischer, holländischer, tschechischer, jugoslavischer, französischer und italienischer Häftlinge? Das ist schwer festzustellen, und wir können nicht sagen, daß wir zu einem eindeutigen und abschließenden Urteil gekommen wären.
Es gab welche, die das Thema Religion, Christentum und Kirche seit ihrer Kindheit nicht mehr berührt hatte. Ihre religiösen Wurzeln schienen abgestorben. Auf nicht wenige mochte das Urteil von P. Dillard zutreffen: Masse mit schlaff gewordenen Sprungfedern, voll Mißtrauen gegen alle Mysterien des Glaubens, gegen alles Uebersinnliche, dem Evangelium Christi schwerer zugänglich, als ein Chinese oder Eskimo.
Bei den vom marxistischen Sozialismus und vom Kommunismus beeinflußten kämpferischen Typen war es allerdings anders. Da zeigte sich mitunter eine ehedem vorhandene religiöse Energie umgebogen ins Soziale und Politische, das heißt auf die Durchsetzung sozialer Forderungen der Arbeiterklasse. Hier hinein hatte sich ihr
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