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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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Das Fleck fieber

Was wußten wir von diesem fremden Fieber? Daß es im Osten und auf dem Balkan beheimatet ist. Daß die Leute dort ziemlich immun wären. Und daß es gefährlich sei für alle anderen. 1943/44 war eine Welle von Bauchtyphus über das Lager gegangen und hatte einige hundert mitgenommen. Aber was war das gegenüber dem Gifthauch, der dem Rachen dieses fremden Ungeheuers entströmte und die Toten zu Tausenden häufte.

Der wahnwitzige Massenzugang vom Balkan her hielt an. In Ost, Süd und West wurden Hals über Kopf Konzentrationslager geräumt. Alles nach Dachau ! Wie sollte das enden? Die Massen stauten sich in den Baracken, in dem engen Blocksträßchen. Statt 80 Häftlinge 500 auf eine Stube, 2000 auf den Block! Von Ruhe und Schlaf keine Rede mehr. Und das Ungeziefer raste.

An dem Tag, da uns der unglücklich verantwortliche Capo der Lagerdesinfektion, Jakob Koch, atemlos zurief: Kommt und seht! Milliarden von Ungeziefer! Die abgelegten Kleider der Häft­linge, die gekommen sind, bewegen sich!" Und gedämpft und be­drückt hinterher: ,, Ich glaube nicht mehr, daß wir es zwingen. Wir gehen alle unter." Da wußten wir genug.

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Jakob ließ dem Chefarzt keine Ruhe mehr. Meldung über Mel­dung. ,, Herr Chefarzt, es geht nicht mehr. Die Quarantäne nützt nichts. Unsere Desinfektionsmittel reichen nicht aus, und die Blöcke sind verlaust. Zuviel Menschen. Wir können uns nicht mehr rühren." Der Chefarzt Hintermeier hörte, und es geschah nichts. Tage und Wochen verrinnen. Schon toben Hunderte im Fieber. Bislang kerngesunde, langjährige Dachauer, wertvolles Blockper­sonal, ist in wenigen Tagen erledigt. Nun, zu spät, folgen über­stürzte, sinnlose Maßnahmen, die nicht mehr retten, aber Bedroh­tes zu raschem Untergang treiben

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