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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
Entstehung
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Durch unsere Revier- Registratur mußten sie alle, nackt und bloẞ, bis auf die Revierkranken. Grund: Anlage der Kranken­papiere, an sich ohne Belang. Papierwirtschaft und ein ,, So tun als ob". Für uns aber, die wir den müden und verängstigt fragen­den Neulingen ins Antlitz sahen, war es die willkommene Gele­genheit, ihnen einen nützlichen Wink zu geben, damit sie die Sphinx, das rätselhafte Ungeheuer eines KZ rechtzeitig, wenig­stens in Umrissen, erkannten. Wie töricht gaben sich die einen, die da meinten, klug vorauszuschauen, wenn sie möglichst viel Krankheiten angaben! Es kam darauf an, sie unauffällig zu be­lehren, daß es hier, an diesem Ort, nicht bloß menschlich zugeht und daß Invalidität Tod bedeuten konnte. Daß die wahre Klugheit erfordere ,,, arbeitsfähig" zu sein, selbst wenn man es nicht war. Und wieviele waren es nicht! Brachte man doch Blinde, Lahme, Amputierte, Krüppel ohne Arm und Bein, welche, die am Boden krochen, Wozu? Wozu?

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Wir fanden, daß der erste Kontakt mit einem Lagerbüro, und sei es auch nur im Revier, diesen angstvoll Ahnenden das Gefühl vermitteln müßte, daß es noch Menschen in diesem grausamen Ort der Geächteten gab, und daß ein verstehender Blick, ein Wort des Landsmannes in der heimatlichen Sprache Wunder wirken könnte. Also richteten wir unseren Betrieb danach ein: Michelet wird vom Kommando beurlaubt und herangezogen, um die fran­ zösischen Kameraden zu empfangen; Dekan Teulings die Hollän­der, Georg S. die Polen und die Russen. Zwischenhinein hatten wir rasch alles Nötige erfaßt: ,, Woher,", Weshalb" und wie es draußen aussieht. Die französische Jugend setzte uns blitzartig ins Bild... ,, Gut, sehr gut!" Und sie gingen mit glänzenden Augen und de bon moral zur nächsten Station: Durchleuchtung. Und wer Gold im Munde hatte, zur genauen Feststellung. Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach wir Armen!" So läßt Goethe den Dr. Faust klagen. Berlin suchte Gold, notierte es bei den lebenden Gefangenen und nahm es von den toten.

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