„Unwertes Leben!” Als am 24. Juni 1942 alle„Uneingeteilten” auf den Appellplatz getrieben wurden, um auf„Arbeitsunfähig- keit” untersucht zu werden, brach unter den Häftlingen eine wahre Panik aus. Die durch das Todesschicksal ihrer vorausge- gangenen Kameraden Verängstigten machten. die verzweifelsten Anstrengungen, um sich zu verbergen. Sie wurden von unver- nünftigen Block- und Stubenältesten aus allen Verstecken heraus- geholt. Einigen gelang es dennoch. Am 15. August desselben Jah- res kam ein Erlaß heraus, daß kein Priester mehr auf Invaliden-
transport geschickt werden dürfe.
Die Krankenakten der Abtransportierten sind nach und nach in| der Registratur des Reviers abgeholt worden, und damit war für die Lagerführung das Kapitel abgeschlossen. Indes: eine Abschrift der Liste der 4000 blieb verwahrt und sie verstaubte nicht. Als Anfang April 1945 der Chefarzt Hintermeier den Befehl gab: „Alle Akten werden verbrannt”, konnte er es nicht wissen, denn 1942 war er nicht da. Die Liste ist nicht verbrannt worden; sie wurde versteckt. Dafür sorgte Alois von der Zahnstation.
Eine Atmosphäre der Beklommenheit in diesem Revier, erhöht durch das Geraune und Geflüster Wissender über die Vorgänge auf Revierblock 5, der Versuchsstation des Luftwaffen- arztes Dr. Rascher. Durch die Veröffentlichungen des Hilfs- pflegers Helmut Berndt(,Alsace” Juni 1945) und durch die Aus- sagen des tschechischen Arztes Dr. Blaha‘im Nürnberger Prozeß weiß man alles. Häftlinge sind gezwungen worden, sich zu Ex-
perimenten herzugeben: Luftdruckmessungen und Beobachtung von Wirkungen auf den menschlichen Körper bei plötzlicher hoch- gradiger Temperaturveränderung. Die Experimente kosteten den meisten das Leben. Unter tiefen Kältegraden in den Zustand der Erstarrung versetzt und dann unvermittelt mit heißem Wasser behandelt, um Wiederbelebung zu studieren— wer hält das aus? In einem anderen Teil des Reviers setzte ein alter Kolonialarzt
gehenden Invalidentransport zuzuteilen. Nach wenigen Wochen schon erhielten seine Söhne die Todesanzeige ihres Vaters.
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