UNTER KRANKEN
Todesstöhnen hielt mich umfangen;
der Unterwelt Qualen umschlossen mich. Aus Psalm 17
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Zwei Tage nach dem Sturz im Barackenbau konnte ich keine Stiefel mehr anziehen: Oedeme, Wasser. Der Wiener Herzspezialist Dr. Kreuzfuchs, wie alle mit dem gelben Stern zu uns auf den Strafblock verschlagen, hatte mir eben wieder im fahlen Morgensein licht wir waren wie immer aus der Stube getrieben tragisches Schicksal dargelegt: ,, Daß ich als Mann der Wissenschaft, auf internationalen Kongressen bekannt, hier elend verkommen muß" ¹) da las man mich vom Boden auf. Ohnmacht, nichts weiter. ,, Legt ihn in die Ecke und deckt ihn zu, daß der Blockführer nichts merkt. Am Abend bringe ich ihn ins Revier" Und sagte in einer Anwandlung von Güte der Blockälteste. abends brachte er mich hin, und der Reviercapo nahm mich wirklich auf.
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Auch im Krankenbau des Lagers Dachau , Revier genannt, trat schon 1941 der Arzt vor dem Pfleger in den Hintergrund. Wenig Aerzte und viel Pfleger und Schüler. Ein SS- Chefarzt mit zwei oder drei Assistenzärzten bei 1500 Kranken und x Tausenden in ambulanter Behandlung. Die Hauptarbeit, unter teilweisem Einschluß von operativen Eingriffen, lag in Händen von Häftlingen, die irgendwie im Sanitätsdienst notdürftig angelernt waren.
Wie bei den Pflegern und Schülern, so gab es auch unter den SS - Aerzten Berufene und Unberufene, Aerzte, die mehr auf den Sitz der Uniform und den Glanz ihrer Stiefel sahen, als auf die Fieberkurve der Kranken; und andere von relativ sachlichem
1) Dr. Kreuzfuchs ist 1941/42 nach kurzer Beschäftigung im Dachauer Krankenhaus spurlos verschwunden.
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