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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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TYPISCHES VON NATIONEN

Der Herr allein kennt den Ort und die Qualen der Tausende, die man von Haus und Hof verschleppt.

Die Gestapo , die dem deutschen Soldaten von Land zu Land folgte, fand in allen Völkern Männer, die ihrem ,, neuen Europa " gefährlich schienen. Am Ende gab es kaum mehr andere, und so kamen sie in ununterbrochener Reihenfolge in die Konzentrations­lager. Daß viele von ihnen erst nach 1942 nach Dachau kamen, war ihr Glück, denn sie trafen auf ein Lager, von dem die alteinge­sessenen Häftlinge hartnäckig behaupteten, es sei, im Vergleich zu früher ,,, das reinste Sanatorium". Seltsames Sanatorium, in dem die Menschen starben wie die Fliegen.

Auffallend und nicht ohne psychologisches Interesse, wie ver­schieden die einzelnen Nationen aus ihrer geistigen und physischen Substanz heraus auf das Konzentrationslager, seine Atmosphäre und die anormalen Lebensbedingungen in ihm reagierten. Versu­chen wir, bei allen Vorbehalten, die sich aus der Notwendigkeit der Vereinfachung komplizierter Tatbestände und Erscheinungen ergeben, einige charakteristische Linien festzuhalten.'

Wie die Alt- Reichsdeutschen im allgemeinen das Leben im. KZ aufnahmen, entzieht sich insofern unserer Kenntnis, als diejenigen, die wir 1941 zu Gesicht bekamen, schon die Gesiebten waren. Sie waren diejenigen, die eben nicht durch das Todessieb gefallen waren. Vom besonderen Glücksfall abgesehen, hatten sie damit eine gewisse psychische und physische Widerstandskraft be­wiesen. Politisch überwiegend links stehend, waren die meisten von ihnen durch Hochverratsprozesse, längere Untersuchungshaft, durch Gefängnisse und durch Zuchthäuser gegangen. Dachau er­schien ihnen übereinstimmend abstoßender und härter, als das der Willkür weniger ausgesetzte Zuchthaus. Das Brandmal der Aech­

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