PROLET UND MENSCH
„Seid wahrhaftig, Männer, die zu ihren Verant- wortungen stehen, die die Meinung anderer achten und die Einheit nicht mißverstehen als einen Fried- hof des Verstandes.”
„Hier gibt's keine Bedienung. Hier sind wir alle gleich!” brüllte mir ein unbekannter, düster aussehender Kamerad wütend und mit rollenden Augen zu. Er hatte im Vorbeigehen gehört, daß ich einen Freund um eine ganz selbstverständliche Gefälligkeit ge- beten hatte.
Wie? Alle gleich? Hier so wenig wie draußen. Ungleich von Na- tur und ungleich von Charakter. Es gab unter uns Starke und Schwache, Gesunde und Kranke, Einfache und Komplizierte, Ver- nünftige und Unvernünftige, Kluge und Unkluge, Saubere und Unsaubere, Hilfsbereite und Selbstsüchtige, Feine und Gemeine.—
Ungleich in der Ernährung: Die einen hatten doppelten Zusatz, gehobene Kost und organisierten sich noch allerhand dazu, woran ein simpler Häftling nicht entfernt denken konnte. Gerade kriminelle Naturen fanden Mittel und Wege und hatten alles, was das Herz begehrte.
Ungleichin Kleidung: Die einen gingen in Lumpen und bar- fuß und in groben Holzschuhen, andere hatten sich eine feine „Kluft” und gepflegte Lederstiefel„organisiert”. Ein Berliner Kri- mineller protzte mit seiner geradezu aufreizenden Seidenwäsche. Es war die Zeit, da der Zebrastoff der Häftlingskleidung ausging und fast alles auf Zivilkleidung umgestellt wurde. Die Häftlinge trugen nicht etwa ihre mitgebrachten eigenen, sondern die abge- legten Anzüge derer, die irgendwo durch die Gaskammern gegan-
gen.—
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