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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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ästhetische und kunstgeschichtliche Feuilletons, um der politischen Stellungnahme auszuweichen. Das war zwar interessant und ging einige Zeit, aber sein Chef, fanatischer Parteimann und Freund von Göbbels , behielt ihn im Auge. Dem armen Schelm ein Ver- gehen gegen den Geist der Partei nachzuweisen, war kein Kunst- stück. Folgt Strafe. Bald danach Denunziation durch eine Horcherin an der Wand: Dachau . Philosoph, rührend unge- schickt, jeder Schritt daneben. Dazu herzleidend und körperlich unheimlich geschwächt. Auch er zum Untergang in diesem Lager bestimmt. Wenn es gelang, ihn zu retten, so nicht ohne größte und fortgesetzte Umsicht.) Sein Gefährte im Unglück, Mit-Be- sitzer des bekannten Kölner Kaffeehauses Eisenmenger, ein Diabe- tiker, ging nach wenigen Wochen wirklichdurch den Kamin.

Die Objektivität verlangt festzustellen, daß es auch Fälle gab, wo der gute Wille studierter Häftlinge am Unverstand von Ar- beitskameraden scheiterte, weil man diesen Studierten alsEin- dringling, als einen anderen betrachtete und zurückstieß. So ist es dem von der Pariser Technischen Hochschule diplomierten Ingenieur und Industriellen Dollfus, der seine Fabrik in Saus- heim bei Mülhausen am Oberrhein verlassen mußte und in Bel- fort wegen Verdacht auf Feindbegünstigung verhaftet wurde, in Jahren nicht gelungen, einen seinen Erfahrungen auch nur an- nähernd entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Als NN-(Nacht und Nebel) Häftling dauernd unter Schreibverbot stehend, ohne jedwedes Lebenszeichen von Angehörigen, hat dieser siebzigjäh- rige Mann, trotz wachsender Gebrechlichkeit, einen äußerst zähen Lebenswillen bekundet. Die Gurtenweberei im Lager hatte für diesen Spinn- und Webereisachverständigen nur eine der

) Am 4. August 1947 brach er, der Schriftsteller Eduard von Holt, in seiner Vaterstadt Köln auf der Straße tot zusammen. Er stand im 34. Lebensjahr. Seine Erinnerungen an Kriegszeit und KZ Dachau Weltfahrt ins Herz. Tagebuch eines Arztes war einige Monate vorher erschienen(im Balduin Pieck-Verlag, Köln , dessen Mitbegründer er war.) Wir verweisen auf dieses Bekennt- nisbuch von großer Reife.

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