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höfen der Umgegend einen Arbeitsplatz, wenn die Zahl der Stel- len auch in keinem Verhältnis stand zu den Massen aus den Agrar- gebieten der slavischen Länder, die man nach Dachau brachte, um ihre robuste Lebenskraft bis zum letzten Hauch aufzubrauchen.
Für den Kundigen an Schreibmaschinen, in Kartotheken und in der Listenführung bot sich vielleicht einmal Gelegenheit, in eines der zahlreichen Büros der SS(Besoldungsstelle für die Chargen) und der Lagerverwaltung als Blockschreiber oder Läufer, oder in die SS-Schreibstube des Arbeitseinsatzes(Hollrith-Kom.-Schlüs- selungsmaschinen) oder im Revier unterzukommen. Buchsachver- ständige, Bibliothekare warteten allerdings lange vergebens auf einen Platz in der längst und auf Dauer vergebenen Lagerbibliothek. Sanitäter konnten Pfleger im Revier werden. Die Aussicht zu alle- dem war 1941 noch nicht so verzweifelt, wie zwei oder drei Jahre später, wo der Arbeitsmarkt dieser Sklavenstadt zehnfach übersetzt
war.
Arbeiten war unter allen Umständen vorzuziehen. Nicht nur um der„Brotzeit” willen, auch aus Gründen der. Erhaltung des
seelischen Gleichgewichts. Wer kein Arbeitskommando fand oder annahm, wer nicht„gedungen” wurde, blieb auf der Strecke: „uneingeteilt”, nicht eingeordnet, lag daneben, hungerte und grü- belte, war unnütz, sich selbst zur Last, überall und allen im Wege; er galt nichts, wußte nichts und wurde zu unangenehmsten Auf- trägen herangeholt. Schließlich riskierte er mit dem nächsten Transport abgeschoben zu werden ins vollendet Ungewisse hinein. Zwei Wochen lang als„Uneingeteilter” im Wintermorgen, bei 20 Grad unter Null, im Schnee stehend, stundenlang, ohne zu wis- sen, warum und wozu, haben mir alles gesagt, was hierüber zu wissen nötig war. An einem solchen Morgen war es auch, als ein Kamerad, auf einen armen Schwachsinnigen hindeutend, der un- entwegt in die Höhe sprang, um sich warm zu halten, giftig her- vorstieß:„Daß so was noch lebt! Eine Spritze und weg damit!”
Ein Häftling vom Häftling!—
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