vor Not und Entbehrung kaum mehr aufrecht halten konnten, mußten bei Auf- und Abmarsch zum Appellplatz singen!- hatte Hugo einen Häftling von der Lagermusik angestellt, den Karl von Neuẞ, eigentlich ein Kölner .
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Karl, noch jung an Jahren, hatte sich mit der Roten Hilfe eingelassen. Das hieß: Hochverratsprozeß, Zuchthaus und Dachau . Nun im Lager hatte er sich auf seine Violine besonnen und spielte uns mit mehr gutem Willen als mit Kunst die Weisen vor. Immer und immer wieder das Lied von den blauen Dragonern mit dem sentimentalen Refrain: ,, Weit ist der Weg zurück ins Heimatland, so weit, so weit! Die Schwalben ziehn dahin_" und dem pseudo- philosophischen Schluß: ,, Der Mensch lebt nur einmal und dann nicht mehr". Karl hat sich mit Glück durch die Jahre hindurchmusiziert, wurde später Stubenältester, fiel bei einer unklaren Affäre auf und wäre um ein Haar auf Straftransport gekommen. Politisch von den Zehenspitzen bis zur Haarwurzel, verstand er es, das Letzte klug zu verschweigen. Und da er mit allen Kniffen und Pfiffen des ,, Organisierens" wohl vertraut war und ihm die Unbekümmertheit des Kölner - Naturells zustatten kam, so gelang es ihm, an allen Klippen ungefährdet vorbeizusegeln.
Geplagt hat er uns nicht. War der Wind günstig und keine Gefahr, vom SS - Blockführer überrascht zu werden, so ließ er alle Schulmeisterei beiseite und legte eine schöpferische Pause ein, die man mit politischen Gesprächen vertraulich ausfüllte. An Hugo hatte er einen Meister in der Kunst, die Häftlinge zur rechten Zeit unsichtbar zu machen, das heißt sie zu verbergen. War man außer Schußweite, konnte uns der SS - Blockführer nicht erreichen, und ,, unsichtbar sein" hieß ,, nicht auffallen". Und darauf kam es an.
Aber wir mußten doch einmal zum richtigen Appell, kamen auf einen ,, Freiblock"- ,, frei" bloß zum Unterschied von gesperrt- und mußten richtig marschierend singen und schwenken können. Hugo dachte an all das. Also marschierten wir stundenlang unter
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