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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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Zeit, Die Gestapo habe es selbst gesagt. Wie konnten sie nur! Alle Verhaftungen erfolgten unter dem lügnerischen Vorgeben der Gestapo :Kommen Sie einen Augenblick herein, wir müssen Sie etwas fragen. Und nach der geglückten Verhaftung:Wahr- scheinlich nur für wenige Tage oder Wochen, bis sich Ihr Fall auf- geklärt hat. Wenn man den Herausgeber der Hauptzeitschrift der Astrologen, dessen Horoskope der Partei im Aufstieg genehm waren, nach einigen Jahren tot im Berliner Grunewald auflas, wie konnten die Kleinen im Lande annehmen, daß man sie weiter schaffen ließ!

Diese beiden nahm Hugo vor allem aufs Korn. Der Frankfurter ließ sich dazu verleiten, aus den Handlinien zu lesen und kühne Zukunftsprognosen zu stellen, bis ihn Hugo auf Widersprüchen ertappt hatte. Dann war es aus. Die Situation völlig verkennend, verlor der Schulmann immer mehr an Haltung, um bald völlig zusammenzusinken und sich als Invalide zu erklären. Das war das Verkehrteste, was er hat tun können. Nach wenigen Wochen war erfertig. Man hat nichts mehr von ihm gehört. Anders sein badischer Kollege. Viel zurückhaltender in der Wissenschaft, hat e- die Jahre durchgestanden. Er ist nichtnach kurzer Zeit entlassen worden, behielt aber sein Leben und wartete nach Jah- ren imArbeitskommando Kaninchenstall geduldig auf das Ende.

Hugo war streng, aber selten ungerecht. Er hielt die Hand über den zwischen 1914-18 bereits zum Tode verurteilten und begna- digten und jetzt wieder verhafteten luxemburgischen Schriftsteller und Besitzer des Schlosses Bofferdange, Marcel Noppeney, und schützte ihn. Das war seine Rettung einstweilen. N. mußte noch öfters gerettet werden, denn sein Fall lag schwierig, und die Ab- sicht zu seiner Vernichtung war deutlich erkennbar.

Bei Hugo lernten wir die sehr wichtige Angelegenheit kennen: Unterscheidung der Dienstgrade der SS, sowie die unzähligen La- gerbestimmungen, jedenfalls wurde der Versuch dazu gemacht.

Um uns Text und Melodie der Lieder beizubringen, die gesun- gen werden mußten man stelle sich vor: Häftlinge, die sich

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