486 Deutsche Photographen-Zeitung 1894. Nr. 49.
wir ja schon manches Rühmliche auch in dieser Gattung von Arbeiten zu sehen bekommen, und die gegenwärtige Ausstellung bietet uns ein wahres prachtexemplar einer grossen Gruppen-Composition dar. Im Allgemeinen wird ja meist bei solchen Arbeiten, weil unter sehr erschwerenden Bedingungen, namentlich häufig bei lästigen Forderungen der Besteller zu schaffen ist, unter dem künstlerischen Gesichtspunkte ein Pflock zurückgesteckt werden müssen; aber„in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“; und die Sachen können doch innerhalb eines beträchtlich weiten Spielraumes besser oder schlechter ausfallen. Von den ernsten Bestrebungen auf diesem Gebiete möchten wir gern einmal etwas Tüchtiges sehen. Diesmal ist unsere Hoffnung enttäuscht; also hoffentlich das nächste Mal um so mehr und um so Besseres!
Eigentlich hatten wir von der Seib-Stiftung etwas Anderes erwartet. Herr Seib gehörte— als Miturbeber der Formstecher-Stiftung— im vorigen Jahre zu Depnjenigen, welche die dankenswerthe Gruppe vou Ausschreibungen für kleinere Ateliers gemacht hatten, und ich hatte mir nur erlaubt, ihn im Wiederholungsfalle um eine kleine Aenderung in der Umschreibung des Kreises zu bitten, den er zur Bewerbung zulassen wollte— oder möchte. Wenn er nun auch dieser Gruppe untreu geworden ist, wie wir geseben haben, so ist dieselbe darum doch nicht spärlicher bedacht geblieben als das vorige Mal. Ihr gehören wiederum drei Ausschreibungen an, von denen sich zwei fast genau in den Bahnen der vorjäbrigen bewegen.
Da haben wir zunächst die Anders-Stiftung, welche— wie im vorigen Jahre die Janssen-Stiftung— nur solche selbstständige Photographen— unter Ausschluss von Filialen— zulässt, welche in Städten mit nicht mehr als drei selbstständigen Portrait-Ateliers ihr Geschäft betreiben. Verlangt werden auch wieder 12 verschiedene Bilder in Cabinet- und 24 in Visitkarten-Grösse, ge- wöhnliche Tagesarbeiten mit möglichst wenig Retouche, Costümbilder ausge- schlossen. Im Gegensatze zum Vorjahre ist diese Ausschreibung von den verwandten am wenigsten umworben: nur 4 Bewerber sind erschienen; es sind auch recht schätzbare Arbeiten, aber nichts, was über den besseren Durch- schnitt hinausgeht, wie er in einer solchen Stadt ganz wohl erreicht werden kann. Auch der Sieger im Wettkampfe, A. Bernhard in Ballenstedt am Harz, der im Vorjahre befremdlich aus seiner Umgebung hervorragte und zu meinem Bedenken bezüglich der Bedingungen der Formstecher-Stiftung Ver- anlassung gab, bleibt im Rahmen des Gewöhnlichen. Doch sinkt audererseits keiner der Bewerber ganz unter das Niveau des Ausstellungsfähigen berab.
Hierauf folgt die Frankfurt-Stiftung, welche mit der vorjährigen Hildes- beim-Stiftung sowohl durch ibre zwei Preise, wie merkwürdigerweise auch durch ihre 12 Bewerber übereinstimmt. Aber auch sonst sind die Bedingungen sehr ähnlich: zugelassen sind nur solche Photographen, welche entweder ohne jede Hilfe oder höchstens mit einer Beibilfe, sei es Lehrling oder Gehilfe, (im Vorjabre: höchstens mit einem Lehrlinge) arbeiten, und gefordert werden 6(im Vorjahre 12) verschiedene Bilder in Cabinet- und 12 in Visitkarten- Grösse; ebenfalls gewöhnliche Tagesarbeiten mit möglichst wenig Retouche. Die eingegangenen Bewerbungs-Arbeiten, von denen eine, von Max Koch in Quedlinburg herrührend, ausgeschlossen werden musste, weil das Doppelte der geforderten Bilderzabl vorgeführt war(auch wurde von einer Seite behauptet,
die Sachen seien schon einmal ausgestellt gewesen), bewegen sich ungefähr
auf derselben Höhe wie bei der vorher betrachteten Stiftung, was unter den obwaltenden Bedingungen gewiss als recht günstig zu betrachten ist. Die beiden zweifellos hervorstechendsten Bildergruppen— von Paul Schultze in Brandenburg a. H. und von A. Bernhard in Ballenstedt a. H.— bieten sogar theilweise manches wirklich Erfreuliche dar. Technisch interessant ist an der Leistung des Ersteren, für die ganz besonders eine recht geschickte Behandlung der Beleuchtung einnimmt, dass er, wie er uns mittheilt, in einem Südfrontatelier arbeitet und sich davon so enthusiasmirt zeigt, dass er sagt, er möchte nie mehr in einem auderen Atelier arbeiten. Man sieht also jeden- falls: es geht auch so.
Die letzte in dieser Reihe ist die Westendorp& Wehner-Stiftung. Sie fordert— genau wie die Anders-Stiftung— 12 Cabinetbilder und 24 Visit-
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