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Nr. 42. Deutsche Photographen-Zeitung 1894. 407 an, fast bei jedem Wort nach rückwärts auf die Bildfläche zu schielen, bringt es schliesslich sogar dahin, unter grässlichen Verrenkungen seiner Halswirbel nach vorn zu sprechen und nach rückwärts zu sehen, oder richtiger zu starren,
denn seinem Scharfblick entgeht es nicht, dass die Helligkeit der Bilder rapid
abnimmt.„Heller, viel beller!“ rufen einige Stimmen aus dem Hintergrunde. „Miserable Aufnahmen— keine Details in den Schatten— viel zu dunkel copirt!“ lassen sich jetzt die Herrn Amateure ziemlich deutlich vernehmen. „Da sollten Sie meinem Jungen seine Nebelbilder sehen, da liegt mehr Musik drin, nicht wahr, Alte?“ brummt àrgerlich ein sonorer Bierbass.„Jetzt hab' ich's satt, ich will'raus!“ ruft ein Anderer.„Aber, Väterchen, es ist doch so hübsch hier,“ entgegnet Emma und setzt ganz, ganz leise, nach der andern Seite gewendet hinzu:„Du gehst entschieden zu weit!“
Der Herr Vortragende scheint, trotz der im Saale herrschenden Kühle, be- denklich zu schwitzen.„Warum geben Sie denn nicht mehr Sauerstoff, Herr Schulze?“ stöhnt er ganz zerknickt.„Er scheint alle zu sein,“ ist Schulzes kleinlaute Antwort.„Unmöglich, die Flasche war doch vorhin noch ganz voll?!“„Zum Kuckuck, wenn Sie's besser wissen, so kommen sSie her und machen Sie Ihr Licht allein,“ mit diesen Worten verlässt Herr Schulze seinen posten; Gepolter einiger umgeworfener Biergläser begleitet seine Tritte durch das Dunkel.
Der geehrte Redner erbittet nochmals die freundliche Nachsicht des Publi- kums in Gestalt einer Pause.„Bravo. Kellner, Bier her!“ rufen einige muntere junge Leute, ein allzu Eifriger will die kleinen Gasflämmchen durch eine Drehung des Hauptbahnes höher brennen lassen, dreht sie aber vollends aus.
Ein unbeschreibliches Durcheinander entsteht, eine Stentorstimme ruft:„Emma,
wo bist Du, wir gehen!“— doch Emma scheint ihre Lippen gerade nicht öffnen zu können. Nachdem Licht gemacht ist, sieht sich der Projections- Richtig, der Zuleitungsschlauch für den Sauerstoff hat einen feinen Riss und das kostbare Gas ist unwiederbringlich dabin. „»„Heiliger Elkan! Natürlich habe ich gerade heute keine Reserveflasche bei mir,“ murmelt der ergrimmte Künstler, während ihn und seinen Aufbau hinter der Leinwand einige Dutzend Neugieriger umdrängen, die es natürlich nicht an mehr oder weniger theilnehmenden Vorschlägen fehlen lassen, während ein Witzbold seine glimmende Cigarre als Lichtquelle in den Projectionsapparat
hält. Der Vortragende würdigt die geistreiche Frage:„Warum stellen Sie denn
nicht einfach ein Licht in den Kasten?“ keiner Antwort, sondern erkundigt
sich, ob nicht ein chemisches Laboratorium mit Elkans comprimirtem Sauer-
stoff*) ausgerüstet sei. Allerdings, heisst es, aber das grosse Laboratorium ist über eine halbe Stunde entfernt! Da bringt der Saaldiener einen Herrn im Triumph herbei, der sich als Gerichts- und Handelschemiker entpuppt und
verspricht, binnen fünf Minuten seinen Gasometer voll Sauerstoff zur Stelle zu
schaffen. Allgemeiner Jubel— nur dem Projectionskünstler spielt ein un- gläubiges Làcheln um den Mund; er ahnt das Kommende. Wirklich schleppt nach fünf Minuten der Saaldiener einen jener Miniatur- Gasometer herbei, dessen Inhalt von ca. 20 Litern wohl zu einer Verbrennungs- analyse, aber niemals für ein starkes Kalklicht hinreichend ist. Resignirt ver- theilt der Redner die Rollen für die nöthige Mitwirkung an diesem Gasometer, denn es ist klar, dass in wenigen Minuten die ganze Herrlichkeit vorüber sein würde, wenn der allzu schwache und dünne Sauerstoffstrahl beständig in die Flamme bliese. Es wird demnach ausgemacht, dass die Bilder stets nur für wenige Secunden erscheinen und der Redefaden des verbindenden Textes im Dunkeln weitergesponnen werden solle: ein grässlicher Gedanke— doch die Ausführung gestaltet sich noch furchtbarer! Kaum ertönt nämlich das Glocken- zeichen, welches ein Projectionsbild ans Licht befördern soll, so erhebt sich verworrener Stimmenschall hinter der Leinwand:„Streichholz anzünden!“ „Gas aufdrehen!“„So, jetzt Wasser in den Gasometer giessen!“ Letzteres erfolgt mit einem hörbaren Schwapp.„Donnerwetter, Sie machen ja meine neuen Hosen ganz nass,“ flucht derjenige der sieben Nothhelfer, der die Bilder
*) Dr. Elkans Fabrik von comprimirtem Sauerstoff befindet sich Berlin N., Tegler Str. 15.


