Jahrgang 
1894
Seite
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272 Deutsche Photographen-Zeitung 1894. Nr. 29.

hin handelt), oder dass man, was ja bedeutend seltener zur Anwendung kommt, das Objectiv in seinem Ringe beweglich macht, d. h. dass die Camera völlig wagerecht steht, die Achse des Objectives aber nicht die wagerechte Richtung hat, sondern sich etwas nach oben oder unten bewegen lässt. In allen diesen Fällen und auch in denen, in welchen man von diesem Hilfsmittel keinen Ge- brauch macht, handelt es sich zumeist um vollkommen correcte Wiedergabe der Perspective. Ja diese Wiedergabe ist so correct, dass sie noch viel correcter ist, als sie gewünscht wird, d. h. wenn der Apparat eine gewisse Abweichung von seiner Stellung hat und nach oben hin blickt, so werden die senkrechteun Linien auf dem Bilde nach oben hin convergiren, genau so, wie bei dem eut- gegengesetzten Falle sie sich nach unten schneiden. Diese Perspective er- scheint uns aber falsch, trotzdem sie ebenso richtig ist, wie die Perspectiven, die wir erblicken, wenn die Seitenlinien eines Hauses oder einer Strasse sich in einem Punkte zu treffen scheinen.

Dieses Hergebrachte, d. h. der Wunsch, die senkrechten Linien auch auf dem Bilde senkrecht zu sehen, hat sich so eingebürgert, dass es auf allen Bildern als erstes Gesetz betrachtet werden muss. Nun sind aber doch Fälle möglich, in denen, sei es aus Mangel an Zeit, wie das ja bei Ver- gnügungstouren leicht passirt, sei es aus anderen Gründen, es nicht zur Ua- möglichkeit gehört, ein Bild zu erhalten, bei welchem die senkrechten Linien im Bilde nicht senkrecht stehen. Gar oft werden wir gezwungen, deun Apparat etwas nach oben blicken zu lassen, d. h. die wagerechte Stellung zu verlassen, und das Resultat ist dann eine Aufnahme, bei welcher die Linien, statt senkrecht zu erscheinen, nach oben hin convergiren. Handelt es sich nun darum, eine solche Aufnahme in ein dem Auge wohlgefälliges Bild zurück- zuführen, so ist auch nach Fertigstellung des Negative bier noch Hilfe möglieh. Wir können auf ganz leichte und einfache Weise dazu gelangen, solche Bilder herzustellen. Es ist ja klar, dass man zu dem Mittel nicht eher greift, als bis alle Mittel, die sich bei der Aufnahme bieten, erschöpft sind. Wir werdem also zunachst versuchen, durch Neigen der Camera das ganze Bild zu fassen und dann, wenn sich, wie das ja auch bei den meisten Apparaten der Pall ist, die Mattscheibe drehbar zeigt, diese durch Drehung möglichst wieder in die senkrechte Stellung zu bringen suchen. In diesem Falle ist ja die Auf- nahme an und für sich wieder tadellos in Bezug auf die Stellung der senk- rechten Linien im Bilde.

Wir hatten kürzlich auf einer Vergnügungs- und Erholungstour Gelegen- heit, von einem Standpunkte, der absolut nicht zu verbessern war, eine Auf- nahme eines höher liegenden Hauses zu machen. Es war leicht, aus dem Haus einen Tisch oder dergleichen zu beschaffen, auf welchen wir uns hätten mit der Camera stellen können; aber an diese Verbesserung war nicht zu denken, weil wir uns zu ebener Erde unter einem weitästigen Baum befanden, der gerade gestattete, von unserem Standpunkte aus noch die Spitze des Hauses zu sehen. Sobald wir auf den Tisch gestiegen wären, wäre aber der Apparat in die Zweige gekommen und das Geäst des Baumes schloss jeden Versuch nach dieser Richtung hin aus. An ein Auseinanderbiegen war da gar nicht zu denken; zurück kKonnten wir auch nicht, denn der Standpunkt, den wir ein- nahmen, stiess direct an ein grosses Roggenfeld, welches mit einem Gitterzaun umgeben war und über das Roggenfeld hinaus war das Terrain so tief, dass wir dort mindestens zehn Meter höher hàtten stehen müssen, um da noch die Grundmauern des Hauses zu erblicken. Es blieb uns nichts weiter übrig, abs den einmal gewählten Standpunkt festzubalten. Wir konnten auch nicht näber herantreten, denn von unserem Standpunkte aus fasste ein Weitwinkel kaum noch das Aufnahmeobject; wären wir näher herangetreten, so wäare die Ver- zeichnung zu stark gewesen

Alle diese Gründe bestimmten uns, die Aufnahme zu riskiren. Natürlich ten wir die oben aufgeführten Hilfsmitte] bis ins Kleinste auszunützen. Das Objectiv wurde so hoch als möglich in die Höhe geschoben, der obere Ibeil der matten Scheibe so weit nach vorn gedreht, wie es nur ging uu dann mussten wir noch das Vorderbein des Dreifuss-Stativs ganz erheblich einziehen, um das Objectiv unter einem Winkel von vielleicht 20 bis 30°nach

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