Jahrgang 
1894
Seite
247
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Nr. 26. Deutsche Photographen-Zeitung 1894.

veröffentlicht, obschon der Gegenstand an und für sich einer der interessantesten ist, und recht schwierige Probleme bietet. Man ist daher bei einer auch für den Nichtchemiker leicht verständlichen Besprechung gezwungen, Hypothesen aufzustellen und dieselben aus der Theorie und Praxis nach Möglicbkeit zu begründen.

Herr E. Guillaume hbat aber diese Methode seinerzeit im Amateur Photo- graphe nicht angewendet, sondern lediglich das Ergebniss praktischer Versuche veröffentliebt, welche keinen Aufschluss über die Ursache der sich offenbarenden Wirkung giebt. Er kommt nun zu dem Schluss, dass eine belichtete Platte nach dreissig Stunden ein barmonischeres Bild beim Entwickeln giebt, als wenn sie sofort nach der Belichtung entwickelt wird; dass die Platte nach dem mebrere Monate, mindestens aber fünfzehn Tage, in diesem Zustand ver- bleibe, und dass bierauf der Lichteindruck langsam verschwindet, also die Platte nach unbestimmt langer Zeit wieder in den Status quo ante trete.

Diese Angaben sind ja im Allgemeinen richtig, und experimentell be- weisbar; wir wollen nun aber hier zur Erläuterung die Sache etwas ausführ- licher, und zwar vom theoretisch-praktischen Standpunkt aus, besprechen.

Beim Belichten von Bromsilber wird ein Theil des Broms, welches mit dem Silber verbunden ist, ausgeschieden. Je nachdem der Lichteindruck stärker oder schwächer war, wird mehr oder weniger Brom ausgeschieden; es bildet sich bierdurch das latente Bild. Dasselbe ist nun indessen nicht constant, sondern gewissen Einflüssen unterworfen. Viele, wenn nicht die meisten photo- grapbisch angewendeten Subsalze haben nämlich die Eigenschaft, sich in ein Normalsalz, oder wenigstens ein dem Normalsalz näher liegendes Subsalz umzu- wandeln, sobald ihnen dazu nur die Möglichkeit gegeben ist. Nun ist aber belichtetes Bromsilber im Negativprocess stets ein Subsalz, während wir hier zum bessern Verständniss das unbelichtete Bromsilber einer Platte als Normal- salz(was es im modernen Verfahren nicht ist) ansehen wollen. Es wird also, analog dem Obengesagten, dem durch das Licht gebildeten Subsalz das Bestreben innewohnen, dem Normalsalz möglichst wieder äbnlich zu werden. Dies kann aber nur geschehen durch neue Aufnahme von Brom. Es wird nun Jeder fragen, woher nimmt nun das Subsalz das zur Zurückwandlung nötbige Brom? Die Antwort ist einfach: aus dem unbelichteten bezw. weniger belichteten Bromsilber der Platte.

Dieser Satz wird Manchem paradox erscheinen und ist dennoch eine einfache unwiderlegliche Wahrheit.

Diese Fernwirkung von Brom- und Subbromid ist, wie schon gesagt, noch weniger beachtet worden, aber ebenso gewiss Thatsache wie die Fernwirkung zwischen Silbernitrat und Bromkaliumlösung. Letztere ist eingehend von Liese- gang studirt worden. Bringt man auf die eine Seite einer Röhre, welche mit halbfester Gelatine gefüllt ist, etwas Bromnatrium und auf die andere Seite etwas Silbernitrat. so entsteht durch Diffusion dieser Salze nach einiger Zeit, in der Mitte der Röhre etwa, Bromsilber.

Auf ähnliche Weise nun wirkt auch mehr oder minder unbelichtetes und belichtetes Bromsilber aufeinander. Sind die Contraste sehr gross, wie bei- spielsweise bei stark belichtetem und unbelichtetem Bromsilber nebeneinander, so macht sich die Wirknog an den Rändern sehr bemerklich, so dass die Con- touren nach längerer Aufbewahrung verschwommen erscheinen, was sehr oft als eine Folge der Irradiation angesehen wird. Dieser Ausgleich findet natür- lich am stärksten an den Rändern statt und nimmt je nach der Eutfernung mehr und mehr ab. Eine richtig belichtete Platte wird also, wenn sie einige Zeit aufbewahrt würde, ein barmonischeres Bild beim Entwickeln geben, als wenn sie gleich nach der Belichtung entwickelt worden Wäre. Bei noch ver- hältnissmässig langer Aufbewahrung aber wird man ein flaues Bild erbalten. Umgekehrt kann aber eine kurz belichtete, contrastreiche Platte durch mehr oder minder langes Aufbewahren vor dem Entwickeln verbessert werden, was von Vortbeil sein dürfte. 1

Die Zeit aber, während welcher diese Veränderung vor sich geht. ist von sehr wunderlicher Dauer. Die Praxis hat ergeben, dass diese Vorgänge bei einer gering empfindlichen Emulsion rascher verlaufen, als bei einer hoch-