Jahrgang 
1894
Seite
95
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Nr. 10. Deutsche Photographen-Zeitung 1894. 95⁵

Das Stereoskop.

Von Hermann Krone, Dresden. (Aus des Verfassers in Vorbereitung befindlichem Lehrbucheüber Photographie, Bd. I. Kap. 28.)

1) Monoculares und binocnlares Sehen, das Sehen mit einem, resp. mit zwei Augen.

Jeder siehtbare, d. b. Licht aussendende Punkt sendet das Licht nach allen Seiten hin aus. Dieses Licht kann auf seinem Wege Hindernisse erfahren, es kann z. B. abgelenkt werden. Trifft dessenungeachtet endlich ein Theil dieses fortgepflanzten Lichtes die Netzhaut unsers Auges, so verlegt unser Urtheil den leuchtenden, d. b. den gesehenen Punkt in diejenige grade Linie, deren Richtung

durch den ersten Knotenpunkt der Linse des Auges geht(s. Helmholtz,

Physiolog. Optik§ 26).

Ganz dasselbe findet statt, wenn es sich um eine Anzahl benachbarter leuchtender Punkte, um einen gesehenen Körper handelt. Die Lichtstrahlen aller Punkte der gesehenen Oberfläche dieses Körpers kreuzen sich im ersten Knotenpunkte der Linse des Auges, divergiren also von demselben in den durch

die betreffenden Punkte des gesehenen Körpers gelegten geraden Linien gegen

eine die Augenaxe senkrecht schneidende ideale Projections-Ebene und stellen daselbst das Bild des gesebhenen Körpers dar, welches dem auf der Netzhaut durch dieselben Strahlen nach deren Kreuzung im Knotenpunkte erzeugten umgekehrten kleinen reellen Bilde ähnlich, aber grösser und aufrecht ist. Der Winkel, den die im Knotenpunkte sich kreuzenden äussersten den Körper be-

grenzenden Strahlen im Knotenpunkte bilden, heisst der Gesichtswinkel für den

Körper.

Dies ist der Vorgang bei dem Sehen mit einem Auge. Für die Entfernung der gesehenen Punkte, des Körpers, ist darin kein Beurtheilungs-Anhalt gegeben; die Punkte erscheinen eben in der Richtung der Sehaxe projicirt.

Betrachten wir jetzt den Sehvorgang in einem Augenpaare, dessen beide Augen um ca. 7,5 em in einer horizontalen graden Linie von einander ent- fernt sind, wie dies gewöhnlich im menscblichen Antlitz stattfindet.

Bezüglich jedes dieser beiden Augen wird der so eben geschilderte Vor- gang stattfinden. Es tritt aber noch eine Erweiterung desselben hinzu, und zwar ist dies das Auftreten einer Erscheinung, die wir Parallaxe nennen. Jedes der beiden Augen richtet seine Sehaxe nach dem zu sehenden Punkte resp. Körper. Diese beiden Sehaxen laufen aber nicht parallel, denn dies kann nur stattfinden, wenn das zusehende Object unendlich weit entfernt ist, sondern bilden mit der zwischen den beiden Augen zu ziehenden Basislinie von 7,5 em Länge einen Winkeel, dessen Schenkel zum Object hin convergiren, sich in den da-

selbst zu sehenden Punkten vereinigen und in ihrer Verlängernng zur idealen

Projectionsebene kreuzen. Der sich in diesen Kreuzungspunkten ausdrückende Winkelwerth, d. i. der Winkel an der Spitze dieses gleichschenkeligen Dreiecks, unter welchem einem daselbst stationirten Beobachter die Basis von 7,5 em erscheinen würde, heisst die Parallaxe des betreffenden Punktes für diese Basis. Misst man diesen Winkelwertb genau, indem man durch Beobachtung die beiden einander gleichen an der Basis anliegenden Winkel, d. h. den Sehwinkel für jedes der beiden Augen, genau bestimmt, so hat man dadurch, dass dann in diesem Dreieck drei Stücke bekannt sind, das ganze Dreieck, und somit die Entfernung des gesehenen Punktes bestimmt. Hierauf gründet sich die Be- stimmung der Entfernung der Sonne von der Erde durch die Beobachtung der Venus- und Merkur-Durchgänge durch die Sonnenscheibe. In diesem Falle bildet diese letztere die Projectionsebene für den durchpassirenden Planeten, und die Basis des gleichschenkeligen Dreiecks ist gerade Linie zwischen zwei corre- spondirenden Beobachtungsstationen auf der Erdoberfläche, welche hier gleich- sam die beiden Augen darstellen.

Diese Kreuzung der durch den gesehenen Punkt verlängerten Sehaxen aber

beuirkt ein Verschieben des gesehenen Punktes für jedes der beiden Augen nach der entgegengesetzten Richtung, und zwar für das linke Auge nach rechts, für das rechte Auge nach links.

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