Jahrgang 
1894
Seite
19
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Nr. 2. Deutsche Photographen-Zeitung 1894. 19 mussten. Massenhaft und unverständig producirte Vorräthe, gerade von stereos- kopischen Landschaftsbildern, wurden nicht nur in Auctionen zu Spottpreisen versteigert, ja es wurden auch solche Ueberproductionsresultate ballenweise nach dem Gewicht verkauft! In vielen, nicht nur in einzelnen, Fällen waren Papier, Chemikalien, Carton, Miethzinsen, sogar auch die Apparate zur Aufnahme und Vervielfältigung, unbezahlt geblieben.

Unter den Nachwirkungen jener schlimmen Zeit haben wir Alle noch jetzt zu leiden, aber es ist doch wesentlich besser geworden. Mit dem wachsenden Verständniss über Photographie weiss jetzt auch das allgemeine Publikum mehr und mehr eine gute photographische Leistung zu würdigen. Je mehr Amateure entstanden sind, um so besser hat man einsehen gelernt, was eine Photograpbie zu ihrer Herstellung verlangt. Jener Theil des Publikums, dem Alles zu theuer ist, besteht nach wie vor und wird immer bestehen bleiben. Er bildet aber mehr und mehr jetzt die Minderheit und der übrige Theil der Bilderkaufenden verlangt jetzt mit Recht Gutes, ja das Beste vom Besten und zahlt dafür gern etwas höher, in den Grenzen billiger Würdigung.

Diese historische Darlegung war nöthig zum Verständuniss des Folgenden:

Die erste Hauptveranlassung des Verfalls der photographischen Stereoskopen-Industrie ist die, dass sich in jener oben erwähnten Zeit ver- ständnissloser photographischer Ueberproductiou durch Unberufene bald da, bald dort, lediglich auf Geldverdienen angelegte, alles Ideale bei Seite lassende Kaufmännische Unternehmer des photographisechen Kunstverlags fanden, welche gewöhnlich von Photographie selbst nichts verstanden, deshalb nur auf einige leidlich bezahlte, engagirte Arbeitskräfte angewiesen waren, und nun eine Anzahl halbverkommener Pseudophotographen als Gebilfen für kärglichen Lohn so lange beschäftigten und ausnutzten, als nöthig war, um denConcurrenz- artikel, d. h. hier die Stereoskopbilder, mit möglichstem Entgegenkommen für den Ankauf derselben zu erbeblich billigeren Ppreisen als bisher bei den Wiederverkäufern, einzufübhren und einige Jahre lang unter grösster Rücksichts- losigkeit gegen jede, auch die anständige, Concurrenz, sei es auch durch eigene Opfer, wie das in der kaufmännischen Praxis ja manchmal geschieht, zu balten. War dies letztere nicht länger möglich, weil inzwischen immer wieder neue, aber immer billiger notirendeConcurrenz entstand, so wurde einfachder Artikel aufgegeben, d. h. man handelte ferner nicht mehr mit Stereoskopbildern, sondern etwa mit Essenzen, Schönbeitsmittelu, alten Kleidern und dergl. und ebenso machte es nach und nach dieConcurrenz Einer nach dem Andern. DerArtikel selbst aber war heruntergebracht, denn die etwa noch zu erlangenden Nettopreise deckten zur Noth vielleicht noch das Anfertigen der Abzüge, zumal wenn man die Arbeiter dabei halb ver- hungern liess, aber nicht mehr etwa nöthige Neuaufnahmen.

Davon hatte aber natürlich das Publikum keine Ahnung. Es verkebrte ja nur mit den Wiederverkäufern und zahlte diesen, unter den oben angedeuteten Modalitäten, im Allgemeinen gern den endlich sehr herabgedrückten Verkaufs- preis für Bilder der verschiedensten Qualitäten, denn es wurden ja auch noch mitunter gute Bilder geliefert. Es gab ja zum Glück noch anständige Lieferanten unter den Producenten. Auswärtige Bilder, z. B. die englischen und französi- schen Stereoskopbilder, wurden, obgleich sie drei- bis viermal theurer bezahlt werden mussten, dessenungeachtet gern gekauft. Diese Bilder hatten ihre Primaqualität fast ausnahmslos bewahren können das mörderische Fege- feuer einer solehen kaufmännischenArtikel-Concurrenz war ihnen, nur in

paris nicht, erspart geblieben, und deshalb sind auch in Paris äbhnliche Fluctuationen wie bei uns zu constatiren; nur mit dem Uuterschiede, dass sie in Paris unbeachtet blieben in demselben Sinne, wie es unbeachtet bleibt, wenn in Paris oder London Jemand verhungert. Fragte Jemand hier bei uns: Warum sind denn diese Bilder, z. B. die von Lamy, theurer? so erbielt er zur Ant- wort:Ja, das sind französische. Damit gab man sich schon zufrieden. Weiter fragte aber Niemand:Warum sind die inländischen Bilder um so viel billiger? , und viele darunter waren nicht schlechter, als jene französischen.

Dieses Beispiel scheint mir für alle Zeiten lehrreich zu sein. Handel und Industrie sind aufeinander angewiesen und können nicht Eins ohne das Andere