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Offenes Sendschreiben an Hrn. Dr. Justus Liebig in Giessen, eine gegen mich gerichtete Anmerkung im Juniheft der Annalen der Chemie und Pharmacie betreffend : nebst einigen Bemerkungen zu der Schrift: Ueber Liebig's Theorie der Pflanzenernährung und Schleden's Einwendungen gegen dieselbe von Karl Winkelblech, Professor in Kassel / von M.J. Schleiden, Dr., ausserordentlichem Professor in Jena
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Wechselfällen ist nun auch die Physiologie unterworfen gewe-

sen, in ihr selbst trat die Bezichung bald auf diesen, bald auf

jenen Theil der Naturwissenschaft stärker hervor, und in sich zerspaltete sie sich oft nothwendig noch in vielfache Theile nach den verschiednen Organen, Geweben u. s. w., von denen bald diese, bald jene vorzugsweise mit mehr oder weniger Glück bearbeitet wurden. Durch diesen Bildungsprocess schreitet die Physiologie allmälig ihrer Vollendung näher und so wenig, wie sie, springt irgend eine andre Disciplin der Naturwissen- schaften gleich, eine fertige Minerva, aus dem Ropfe eines einzelnen Mannes hervor. Die einzelnen Wahrheiten von Einem gefunden werden lange bestritten, weil Andere sehr natürlich von andern Anschauungsweisen ausgehen; nach und nach gewinnen sie sich Anhänger, bis sie zuletzt durch Masse stark die Wissenschaft beherrschen und als bleibendes Erbtheil derselben einverleibt werden. Das ist der Gang, den die Pflanzenphysiologie nahm, den jede Wissenschaft genommen hat und nehmen muss und noch lange nehmen muss, denn mit Ausnahme der reinen Bewegungslehre kann sich noch keine rühmen, über ihren Anfangspunkt weit hinaus zu sein.

Die Pflanzenphysiologie bietet ohne Zweifel die vielartig-

sten Interessen dar und ist ganz geeignet, die Theilnahme eines

Mannes von Geist in Anspruch zu nehmen; auch hat sie seit Sennebier eine Menge von tüchtigen Bearbeitern gefunden, von vielen Seiten hat man versucht sie zu fördern, und an ihrer Ausbildung haben viele Männer gearbeitet, die sich in jeder Beziehung Ihnen, Herr Liebig, kühn an die Seite stellen dür- fen. Sie steht nicht als fertige, aber doch nach Ueberwindung des ersten Rindesalters als achtungswerthe Wissenschaft da. Nun treten plötzlich Sie auf und sprechen in der derbsten Weise dieser Wissenschaft jedes wissenschaftliche Princip ab, nennen die Männer, die sich ihrer Bearbeitung geweihet haben, ohne Ausnahme(selbst die Roryphäen) unwissend, einfältig (sie verzichten auf ihre Sinne, Fähigkeit) und ungebildet, blos deshalb, weil sie Ihrer Meinung nach der Chemie nicht genug eingeräumt.

y.