Herr Professer Liebig!
Sie haben im Juniheft der Annalen der Chemie und Phar- macie in Bezug auf meine gegen Sie gerichtete Schrift eine Erklärung abgegeben, auf welche ich, da der Streit einmal begonnen, zu antworten mich verpflichtet fühle. Bei allen Streitigkeiten ist es aber, wenn sie anders irgend ein Resultat haben sollen, unerlässlich, den eigentlichen Gegenstand derselben und die jedesmalige Sachlage scharf aufzufassen und festzustellen, und ich will daher folgende Erörterung voranschicken.
Neben der äussern Renntniss und Unterscheidung der ein- zelnen Arten der Pflanzen zeigen sich schon früh in der Ge- schichte der Wissenschaft Versuche, auch die(in einigen Theilen selbst dem ungeübtesten Auge auffallenden) Verände- rungen, die in demselben Pflanzenindividuum vorgehen, genauer kennen zu lernen. Nach und nach, indem man immer genauer forschte, immer bessere Methoden, immer vollkommnere Hülfs- mittel anwendete, entwickelte sich hieraus die Wissenschaft der Pflanzenphysiologie, nächst der Physiologie des thierischen Organismus ohne Frage die schwierigste aller reinen Natur- wissenschaften. Es umfasst dieselbe wie keine andere alle andern Zweige unsrer Naturkenntniss, setzt ein genaues Stu- dium derselben voraus und verlangt selbst noch mehr, denn auch die Form der Pflanze ist nichts Gegebenes, Fertiges,
sondern entsteht, bildet sich aus unscheinbaren Anfängen all-
mälig heran und vergeht wieder. Auch von diesen Verände- rungen hat die Physiologie Rechenschaft zu geben und zwar ist das ihre Hauptaufgabe, denn grade das, was wir Leben, Organismus nennen, besteht darin, dass alle einzelnen RKräfte der Natur, wie sie in Physik und Chemie gesondert und frei wirkend betrachtet werden, hier durch eine eigenthümliche Form zu einer Gesammtthätigkeit verbunden und dadurch, dass
sie in dieser Form und durch dieselbe wirken, in ihrer Wir- 10


