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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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einem in der Sonde geleiteten schmalen Bistouri, dessen Schneide etwas gewölbt sein kann, queer durch. Das Einführen der Hohlsonde kann sehr erleichtert werden, wenn man durch einen Gehülfen den betreffenden Schen- kel des Thieres gegen den Leib desselben drücken und hierdurch den Muskel erschlaffen läſst; im Moment des Durchschneidens läfst man ihn dagegen am Knie nach hinten und unten drängen, weil hierbei der Muskel mehr gespannt und somit die Trennung erleichtert wird. Letz- tere bewirke man in mehrern kurzen Zügen, langsam und mit gelindem Druck des Messers, und fühle dabei mit den an der Operatiousstelle auf die Haut gelegten Fingern der linken Hand fortwährend, wie weit die Trennung des Muskels erfolgt und wie nahe das Mes-

ser der Haut gekommen ist. Man vermeidet bei dieser

Vorsicht das Verletzen der Haut.— Die Schnittränder des Muskels ziehen sich nach oben und unten zurück, so daſs eine Läcke zwischen ihnen euntsteht, welche man sowohl äufserlich an der Haut, wie auch in der Wunde deutlich fühlen kann. Man untersucht in der letztern mit einem Finger, ob noch einzelne Muskel- bündel ungetrenut sind, durchschneidet in diesem Falle dieselben nachträglich noch und läſst dann das Thier aufstehen.

Die Nachbehandlung besteht in Ruhe und im Be- feuchten der Operationsstelle mit kaltem Wasser wäh- rend der ersten 3— 4 Tage,— nachr dieser Zeit bloſs im Reinigen der Wunde. Die Heilung erfolgt ſast von selbst in etwa 8— 10 Tagen.

AIMIY. Der Sehnenschnitt, oder das HDurohschneiden der Heugesehnen an den Glied-

mauſsen(Sectio tendinum flegorum pedis, Tenolomia fleworum pedis).

§. 159.

Das Durchschneiden der Beugesehnen an den Füfsen ist als nothweudig angezeigt: wenn durch andauernde Verkürzung dieser Sehnen bei Pferden ein sogenannter Sehnen-Stelzfufs im höhern Grade erzeugt und un- terhalten ist. Denn der Erfahrung zufolge kaun ein sol- cher Stelzfuſs fast nur allein durch die genannte Ope- ration beseitiget werden, indem nach der queeren Durch- schneidung der verkürzten Sehnen die bisherige Span- nung derselben aufhört, und die Theile des Fufses un-

ter dem Fesselgelenk eine mehr regelmäſsige Stellung

und eine freie Bewegung wiedererhalten, so daſs die

vorher fast immer unbrauchbaren Thiere wieder arbeits- fähig werden. Diese gute Wirkung der Operation tritt in der Regel auch da ein, wo das Uebel nicht in ein- facher Contraktur der Sehnen, sondern zugleich(wie oft bei dem sog. Sehnenklapp) in Verdickung oder Ver- wachsung derselben unter einander, oder in Verdich- tung und Verknorpelung ihrer Textur besteht; sie ist aber in Fällen der letztern Art zuweilen minder voll- ständig zu bemerken, wenn die pathologischen Verän- derungen sich auf alle drei Beugeflechsen und auf den ganzen oder den gröfsten Theil ihrer Länge zwischen dem Fufswurzel- und Fesselgelenk erstrecken. Dage- gen bringt die Sehnendurchschneidung keinen Nutzen und sie ist daher nicht indizirt, wenn auſser dem Lei- den der Sehnen noch Verwachsung der Gelenke, groſse Exostosen(Schaale im hohen Grade) und unheilbare Verkrüppelung und Verkümmerung des Hufes bestehen. Doch habe ich in zwei Fällen den sehr verkleinerten Huf wieder vollkommener werden sehen, als nach dem Sehnenschnitt der Fufs im Ganzen mehr in Thätigkeit und der Huf wieder mit dem Erdboden in beständige Berührung kam.

Die Operation ist übrigens im Allgemeinen sehr ein- fach, leicht ausführbar, und selten mit bedeutenden Zu- fällen begleitet.

Der Professor Gohier zu Lyon und der Thier- arzt Carbonel zu Aix haben wahrscheinlich dieselbe zuerst im Jahre 1814 und zwar mit gutem Erfolge ausge- führt, nachdem Ersterer schon früher die Unterstützungs- sehne des Hufbeinbeugers allein für diesen Zweck ohne

besondern Nutzen durchschnitten hatte ¹). Eben so ist auch später die Tenotomie der Beugeſſechsen mit glän- zendem Erfolg an stelzfüfsigen Pferden in der genann- ten Thieraraneischule wiederholt 2), und dieser Erfolg von vielen Thierärzten bestätiget worden*). In neue- rer Zeit wurde die Operation durch Aufnahme der sub- cutanen Verfahrungsweise aus der Menschenheilkuust, nach dem Vorgange des Professors Stromeyer ¹), sehr wesentlich vervollkommuet. Aufser den genannten Mit- theilungen über einzelne Fälle sind mehr umfassende Abhandlungen von Prinz ⁵), von mir ⁶) und von Die- teriehs*) über die Operation vorhanden. §. 160.

Der Sehnenschnitt kann nach zwei Verfahrungswei- sen ausgeführt werden, nämlich:) mit einer offeneu Hautwunde, durch welche die Sehnen an der Opera- tionsstelle bloſsgelegt werden, und— 5) mit einer möglichst kleinen Hautwunde, so daſs die Durchschuei- dung der Sehnen unter der Haut(subcutan) geschieht.

Die erstere Verfahrungsweise war bis gegen das Jahr 1838 allein gebräuchlich. Sie bietet im Vergleich mit der zweiten den Vortheil: daſs man durch die grö- ſsere offene Wunde die in der Tiefe befindlichen Theile

sehen und nöthigenfalls etwas verschieben, somit die

Verletzung der neben der zu durchschneidenden Sehne liegenden Sehnen, Gefäſse und Nerven vermeiden kann; aber sie hat auch den Nachtheil: daſs die Verwundung

¹) Procès verbal de la séance publique tenue à l'Ecole roy. vét, de Lyon le 10. Octbr. 1814. p. 26,— und Proc. verb. etc. de Lyon 1809, p. 18.

²) Compte rendu des travaux de l'école r. d'oeconomie rurale et vétér. de Lyon pendant l'année 1821 par M. Grognier. In den Annal. de l'Agricult. Franc. II. Ser. T. XVII. p. 48.

²) z. B. v. Bruche(in den Compte rendue etc. de Soc. d'agri- cult. pro 1826),— von Miquel, Debeaux und Blanc(im Journ. pratique de méd. vét. par Dupuy 1826, und 1828),— von Dehan, Bouissy, Vatel, Delafond, Renault, Cho- pin, Lordon(im Recueil de médec. vétérin. 1831, 1832, 1833, 1835),— von Henderson, Holford, Young, Dick(im Ve- terinarian, Vol. 3. u. 5.) u. A..

¹⁴) Beiträge zur operativen Orthopädik. Hannover, 1838.

⁵³) Der Stelzfuſs der Pferde und der Sehnenschnitt zur Heilung des- selben. Dresden, 1841.

⁸) Magaz. f. d. gesammte Thierheilkunde Bd. VII. ) Aliurgie, S. 190. 48