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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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Die Haarseilnadeln, deren man sich in der Thier- heilkunde bedient, sind in einigen Punkten von einander abweichend. Zum Gebrauch bei den groſsen Hausthie- ren, in der Absicht um mit dem Haarseil eine ableitende Reizung hervorzubringen, ist für die meisten Körper- stellen die sogenannte deutsche Haarseilnadel das ge-

eignetste Instrument. Dieselbe ist gegen 14 lang, an ihrem mittlern Theil gegen 3" dick und abgerundet;

das vordere Ende ist spatelförmig gebildet, gegen ¾ breit; der Rand an der Spitze bildet eine stumpfe Kante; die eine Fläche der Spitze ist ganz platt, die entgegen- gesetzte Fläche aber von der Mitte aus nach den Sei- tenrändern schräge abgeflächt; das hintere Ende wird von dem hintersten Drittel der Länge allmählig breiter, und an dem äuſsersten Endpunkt fast 8 breit; es be-

findet sich in diesem Theil ein queerliegendes Oehr,

dessen hinterster Rand etwas dünner ist als die übrige Nadel. Gewöhnlich läſst man diese Nadel in der Mitte der Länge in 2 Hälften theilen, und daselbst mit einem Schraubengewinde versehen, damit man sie bequemer in der Verbindtasche mit sich führen kann. Die franzö- sischen Thierärzte bedienen sich gewöhnlich kürzerer Haarseilnadeln, deren vorderes Ende myrtenblattförmig, am Rande und der Spitze schneidend scharf, und in der Mitte dieses Theils mit einem ¾ langen und gegen 2 breiten Oehr versehen sind; der ganze übrige hinter der

Spitze befindliche Theil ist fast gleichmäſsig cylindrisch,

und das hintere Ende ist mit einem, in der Längenrich- tung des Instruments verlaufenden Oehr versehen, wel- ches dieselbe Gröſse wie das in der Spitze befind- liche hat. 4 Die englischen Thierärzte der neuern Zeit benutzen meistens die von Sewell verbesserte Haarseilnadel, welche gegen 12 Zoll lang, an dem mittlern Theil einen halben Zoll breit, an der Spitze und am hintern Ende aber ein paar Linien breiter ist; Letzteres ist mit einem queerliegenden Oehr zur Aufnahme des Bandes verse- hen. Die Spitze ist fast spatelförmig gebildet, die eine Fläche derselben ganz eben, die andere aber ist gerade in der Mitte, an der eigeutlichen Spitze, mit einem 1" dicken, länglichen und etwas abgerundeten Knöpfchen versehen, neben welchem die Seitenränder scharf schnei- dend sind. Das hintere Ende der Nadel ist in einen 4 Zoll langen hölzernen Handgriff zu stecken, der mit- telst einer Stellschraube leicht befestiget werden kann. Aus dieser Einrichtung erhellet: daſs die deutsche Haarseilnadel das Zellgewebe unter der Haut nur me- chanisch auseinander drängt und zerreiſst, die franzö- sische Haarseilnadel aber das Zellgewebe zerschneidet, und die englische Haarseilnadel beide Wirkungen ge- wissermaaſsen vereinigt. Die französische Haarseilna- del soll auch den Vortheil gewähren, daſs man für ihre Anwendung mit dem Messer nur eine Eingangsöffnung

zu schneiden braucht, indem man mittelst der scharf-

schneidenden Spitze des Instruments die Ausgangsöff- nung macht, während bei dem Gebrauch der deutschen und englischen Haarseilnadel diese letztere Oeffuung ebenfalls mit dem Messer gebildet werden mufs; dieser Voriheil ist jedoch im Verhältnifs zu dem Nachtheil, den die französische Haarseilnadel bei unruhigen und

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widersetzlichen Thieren durch leicht entstehende Neben- verletzungen in den Muskeln u. s. w. entstehen können, kaum beachtenswerth, und dies um so mehr, da die durch die Haarseilnadel gebildete Oeffnung in die Haut immer zu klein ist, das eingezogene Band auf die dicht an dasselbe anschliefsenden Wundränder zu heftig dräckt, dieselben schwielig und hart macht, und der Eiter kei- nen guten Ausfluſs erhält.

Zum Ziehen eines Eiterbandes durch den Fleisch-

und Horustrahl dient eine besondere von Sewell vor-

geschriebene Haarseilnadel, welche gegen 12 lang und so gekrümmt ist, daſs sie etwa dem dritten Theil einer Kreislinie entspricht; die convexe Seite der Nadel ist ganz flach, die concave Seite aber an ihrem mittlern Theil etwas gewölbt; Letzterer ist gegen 5 breit, das hintere Ende gegen 7 und mit einem queerliegenden Oehr versehen, die Spitze ist an ihrem breitesten Theil 7 8 breit, und verjüngt sich von demselben bis zu dem äuſsersten Punkte, so dafs ihre Seitenränder in einem Winkel von fast 45° daselbst zusammenstoſsen, sowohl die Spitze wie auch diese Seitenränder sind scharf schneidend. Das hintere Ende der Nadel ist in einen 4 langen hölzernen Handgriff zu stecken, und daselbst mittelst einer Stellschraube zu befestigen.

Aufser der oben bezeichneten englischen Haarseil- nadel von Sewell giebt es noch ein eigenthümliches Instrument, unter dem Namen: grofse englische Haarseilnadel, in welchem eine stumpfe Nadel mit einer scharfen in der Art beweglich verbunden ist, daſs man die eine oder die andere in jedem Augenblicke, je nachdem es die Umstände erfordern, gebrauchen kann. Dieses Instrument eignet sich besonders dazu, in langen Fistelgängen, bei Versenkungen von Eiter oder Jauche u. s. W., Gegenöffnungen von innen her zu bilden, oder Eiterbänder durch solche lange Kanäle zu ziehen. Es ist zu bedauern, daſs diese Haarseilnadel, ihrer Gröſse wegen, nicht in der Verbindtasche zu führen, und daſs sie ihrer Einrichtung wegen, schwierig zu reinigen ist.

Zum Haarseilziehen bei kleinern Thieren benutzt man eine Haarseilnadel, welche gegen 10 lang, flach, in der Mitte gegen 3 breit, an jedem Ende aber etwa 4 breit ist; die Spitze ist länglich-rund und stumpf, das hintere Ende aber mit einem Queer-Oehr versehen. Auch kann man sich der Bauahwundheftnadeln bedienen, um bei gröſsern und kleinern Thieren Haarseile an sol- Stellen zu appliciren, wo sich die Haut in einer gro- ſsen Falte von den darunter liegenden Theilen abzie- hen läſst.

Zur Ausführung des Haarseilziehens müssen Pferde gebremst und so befestiget und gehalten werden, wie es die Empfindlichkeit des Thieres und der Ort, wo das Haarseil applicirt werden soll, erfordern. Sehr un- ruhige und widersetzliche Thiere müssen hierzu nieder- gelegt werden. Nachdem diese Vorbereitungen gesche- hen sind, macht man an der Operationsstelle zuerst die beiden Hautschnitte für die Ein- und Ausführung der Nadel. Dieselben müssen stets durch die Haut, und wo ein Hautmuskel unter derselben liegt, auch durch den Letztern dringen, und für die gewöhnliche Haarseil- nadel stets 1 bis 1 ¼ lang sein; die Eutfernung dieser

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