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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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wirkt; dagegen erzeugt sie aber nicht selten eine spe- zifische Wirkung auf die Gangliennerven, die sich durch Zuckungen der Muskeln an der vordern(untern) Seite des Halses, besonders im Verlaufe des Schlundes, an der vordern Seite der Brust und an den Lippen, auch durch Würgen, Rülpsen, Erbrechen u. s. wW. äuſsert, und, nach Waldinger's Angabe, bei trächtigen Thie-

ren selbst Abortus zur Folge haben kann,— weshalb

man bei den Letzteren das Mittel vermeiden muſs. Diese spezifische Wirkungen treten besonders dann ein, wenn die Wurzel recht frisch ist, wenn man sie in der Nähe des Halses an der Vorderseite der Brust applizirt, und wenn die Thiere grünes Futter erbalten. Fontanellhöhlen mit einem glühenden Eisen zu rei- zen, ist zwar schon in frühern Zeiten hin und wieder üblich gewesen(Bourgelat, in d. Eucycl. de l'Acad, und Sechreger, Operationslehre für Thierärzte, S. 43), in der neuern Zeit aber von Nanzio in Neapel als ein sicheres Verfahren zur Heilung der hartnäckigsten Schul- ter- und Hüftlahmheiten, mit Angabe folgender Methode, empfohlen worden(Recueil de méd. vétér. 1837. p. 552): Das Thier wird hierzu auf die gesunde Seite niederge- legt. Man durchschneidet an dem leidenden Theile(d. h. bei sogenannten Bug- und Schulterlahmheiten an dem untern Ende des Schulterblattes oder auf dem Arme,— bei Hüftgelenklahmheiten etwa 2 Zoll hinter oder eben so weit vor und unter dem Hüftgelenk) die Haut nebst dem Hautmuskel in senkrechter Richtung(das Thier

aufrecht stehend gedacht) 4 Zoll lang,— präparirt die Haut rund um die Wunde überall gegen 2 Zoll breit von den darunter liegenden Muskeln, so daſs letztere eine freie Fläche von mindestens 3 Zoll im Queermesser darbieten,— umgiebt die Wundränder der Haut und die innere Fläche derselben mit nassen leinenen Lappen, um sie gegen das Verbrennen zu schätzen, und legt dar- auf an jeden Wundrand einen stumpfen Doppelhacken, mittelst welchem man ihn von den Muskeln und vom

andern Wundrande abzieht. Nachdem das etwa vor-

handene Blut mittelst eines Schwamms entfernt worden, brennt man die ganze Fläche der Muskeln mittelst eines knopfförmigen, braunroth heiſsen Brenneisens so, dals ein dünner Brandschorf die Fläche bedeckt. Während des Brennens müssen die leinenen Lappen wiederholt mit kaltem Wasser beſeuchtet und die Muskelfläche im- mer mit dem Schwamme abgetrocknet werden.

Die Nachbebandlung ist so wie bei einem andern Fontanell, nur mufs ganz besonders auf etwa entste- hende Eitersenkungen geachtet werden; die Wirkung aber ist tiefergehend, schneller eintretend und weit in- tensiver; dennoch erfolgt die Heilung in der Regel in circa 20 Tagen mit Hinterlassung einer glatten und ver- hältnifsmäſsig nur kleinen Narbe. Die Heilwirkung war in mehreren Fällen der genannten Lahmheiten ganz vortrefflich, weſshalb ich das Verfahren als ein ultimum refugium betrachte. b. 2

VI. Das Haarseilziehen oder Eiterbandziehen(Appücatio Setacei).

§. 12.

Das Haarseil oder Eiterband ist ein unter der Haut in einer gewissen Strecke eingezogenes Band von gro- bem Tuch, oder von grobem Zwirnband u. dgl. Mate- rial. In früherer Zeit benutzte man hierzu eine aus Haaren gedrehte Schnur oder ein aus Haaren gefloch- tenes breites Band, und daher ist der Name Haarschnur oder Haarseil entstanden. Die Wirkung des Haarseils oder Eiterbandes besteht zunächst darin, daſs es an den von ihm betroffenen Theilen eine Reizung und Entzün- dung, und späterhin auch Eiterung erzeugt. Mit dieser primären Wirkung ist auch immer eine Ableitung der

Reizung von andern Theilen her verbunden, und auſser-

dem wird in den betroffenen Theilen der Vegetations- prozefs in der Art umgestimmt, daſs eine gröſsere Bil- dungsthätigkeit, in Folge dessen oft mehr Ersatz neuer

Masse, Verwachsung chronischer Trennungen, und bei

vorhandenen Verhärtungen auch Schmelzung derselben eintritt. Man benutzt daher die Haarseile hauptsächlich zur Ableitung von Entzündungen, von rheumatischen Af- fectionen u. s. w. in edlen Organen, dann beim Schwin- den, bei Verhärtungen und bei veralteten Wunden, Fi- steln und Knochenbrüchen. Bei den Fisteln beabsich- tiget man zuweilen auch die verengeten Theile dersel- ben durch ein Haarseil so lange offen zu erhalten, bis die ausgedehnteren Theile derselben durch neu gebil- dete Granulation mit den übrigen Theilen zu einer glei- chen Verengung gekommen sind.

Die Haarseile werden am Thierkörper durchaus an denselben Stellen applicirt, welche im Vorhergehenden

als die geeignetsten für die Fontanelle bezeichnet wor- den sind; aufserdem aber zieht man auch Haarseile auf den Rippenwänden im Verlauf der Rippen(an jeder Seite der Brust 1— 2), beim Rindvieh hauptsächlich durch den Triel, bei Pferden auch an der innern Seite des Sprunggelenks, und durch den Fleisch- und Hornstrahl des Hufes, bei Hunden auch an der innern oder äufsern Fläche der Ohrmuscheln und im Nacken. Die Richtung, in welcher das Haarseil geführt wird, ist im Allge- meinen nach der senkrechten Linie, und nur auf der Crouppe pflegt man mehrentheils die Haarseile in der Längenrichtung des Körpers, oder parallel mit dem Kreuzbein zu ziehen. Wo aber Haarseile durch Fisteln oder veraltete Wunden geführt werden, muſs man der einmal vorhandenen Richtung derselben folgen.

Zur Ausführung der Operation ist 1) ein geballtes Bistouri, 2) eine Haarseilnadel, 3) ein rauhes Band oder eine dergleichen Schnur, und 4) irgend ein kräf- tiges pharmaceutisches Reizmittel, welches man auf das Band streut oder streicht, erforderlich. Als solche Reiz- mittel benutzt man gewönnlich Terpenthinöl, seltener Cantharidensalbe oder Cantharidentinctur, oder ein Ge- menge von Terpenthinöl mit Cantharidenpulver in ver- schiedenem Verhältniſs; zuweilen näht man auch Stück- chen von Nieſswurz an das Band; in Ermangelung die- ser Mittel kann man als Hausmittel auch pulverisirten Pfeffer, oder Senf, auch Theer u. dgl. benutzen. Alle diese Mittel dienen dazu, die reizende Wirkung des Haarseils auf die von ihm betroffenen Theile zu ver-

stärken. Die