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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Pflaſter geſetzt worden it Jedermänniglich zum warnen⸗ den Exempel!

Alex iſt froh, daß er nun die Staatsdiener⸗Carriere vom Halſe hat. Er will nach München, um dort moderne Philologie zu ſtudiren ein närriſches Vorhaben, was den Ort der Aus⸗ führung betrifft. Sein Bruder Louis iſt wieder von Wien zurück bei aller Blaſirtheit ein ziemlich vernünftiger Kerl. Er will jetzt das Haus ſeines Vaters verlaſſen und in einem andern Quartier der Stadt ſeine mediciniſche Bude oder Mördergrube anlegen.*)

Ich höre, Du willſt eine Novelle über die Bekehrungsgeſchichte des Canis**) ſchreiben. Wenn Du ganz einfach ſeinen ſtudentiſchen Lebenslauf und ſeine Converſion als Candidat niederſchreibſt, ſo gibt das ein intereſſantes Buch, für das Dir Ricker in Gießen fl. 200 bezahlen kann. So viel Moos käme Dir doch in Deiner jetzigen finanziellen Miſere gar gelegen, und Muckerei, wie Anti⸗ muckerei, iſt eben ein ſehr gangbarer Artikel. Alſo raſch, ehe die Saiſon vorüber iſt! Nur nicht ſo ſehr nach Deinen ſchnöden Witzen und allerlei pikanten Notizen gejagt! Was Du heute nicht an den Mann bringſt, kommt ein andermal daran. Nun Lebewohl! Ich habe Dir einen ſo ausführlichen Brief geſchrieben, daß Du für

lange Zeit daran ſatt haben haben ſollſt. Dein A. B. Ferkelſtecherei bei einem, ob auch noch ſo befreundeten Anwalt oder Schriftſtellerei, wenn auch über noch ſo beliebte, mir geläufige Tagesfragen dieſe Vorſchläge meines Freundes, die mir nur eine unſichre Exiſtenz von heute auf morgen in Aus⸗ ſicht ſtellten, wollten mir nicht recht behagen. Auf meine obige Anfrage an das Miniſterium bezüglich der beabſichtigten Fortſetzung meines juriſtiſchen Studiums aber bekam ich gar keine Ant⸗ wort, was mich als eine Unhöflichkeit und namentlich im Hinblick auf die für den betreffenden Stempelbogen rein zum Fenſter hinaus⸗ geworfenen 36 Kreuzer nicht wenig ärgerte. Als ich ſpäter dieſer⸗ halb bei einem mir naheſtehenden höheren Beamten vertraulich

*) Mit den beiden Brüdern ſind Louis Büchner, der bekannte Ver⸗ faſſer vonKraft und Stoſſ, jetzt praktiſcher Arzt in Darmſtadt, und Alexan⸗ der Büchner, jetzt Profeſſor der deutſchen Sprache und Literatur in Caen, unſre intimen Freunde und politiſchen Geſinnungsgenoſſen, gemeint. 9 2

**) Eines theologiſchen Gießener Studiengenoſſen H., der, auf der Univerſität von tollſtem, Nichts reſpectirendem Humor, ſpäter als Candidat und Pfarrvikar eine bußfertige gläubige Säule der Kirche, nichts deſto weniger ar früh verſtorben iſt. Seine Biographie würde allerdings höchſt intereſſante apitel mit mannigfachen Reminiscenzen an den heiligen Auguſtinus geboten haben. D. V.