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den Corps’'— haben keinen Begriff von der eigentlichen Poeſie des Studentenlebens, in dem man mit übermüthigem Jugendſtolze ſich zu den„Königen der Welt“ zählt und nur von Heute auf Morgen rechnet. Als wir Gießener Reform⸗Studenten von der „Allemannia“ ſchon vor 1848 eine Petition für Abſchaffung der privilegirten akademiſchen Gerichtsbarkeit und Verweiſung aller ſtudentiſchen Vergehen vor das gewöhnliche Civilgericht entwarfen, bemerkte mir ein damals ſehr radikaler, jetzt ſehr orthodoxer theo⸗ logiſcher Commilitone:„Das geht nicht. Studenten ſind ein eigenes Völklein!“ Nach mancher Richtung hatte er nicht ſo ganz Unrecht, und wenn der Schlachtendenker Moltke jüngſt im Neichstag den Soldatenſtand eine uridiſche Inſel“ genannt hat, ſo ſollte das füglich in gewiſſem Sinne auch für die Studenten gelten, obgleich ich der ſogenannten„burſchikoſen Romantik“ in Bezug auf Gänſediebſtähle, Laternen⸗ und Fenſter⸗Einwerfen und ſonſtige Streiche nicht zuviel Spielraum bewilligt ſehen möchte. Namentlich den drängenden„Manichäern“ gegenüber war dieſe juridiſche Inſularität für uns von großem Vortheil.
Trotz obigem Commersbuch⸗Verſe gegen die drei Fakultäten brauche ich wohl kaum zu verſichern, daß in meinen Augen das Studentenleben, wenn es wirklich etwas Poetiſches haben ſoll, von ernſtem wiſſenſchaftichem Streben, das ihm erſt die höhere Weihe gibt, getragen ſein muß. Wer ſich nur„Studirens halber auf der Univerſität aufgehalten“, d. h. nur gepaukt und gekneipt, aber nicht wirklich ſtudirt hat, der iſt für mich kein wahrer„Student“. Gerade über dieſe ideale g geiſtige Richtung des deutſchen akademiſchen L Lebens, auf die ich ſtets beſonderen Werth legte, ſpricht ſich L. Börne in einer für mich unvergeßlichen Weiſe aus.
„Ich erinnere mich mit Entzücken“, ſagt er u. A.,„jener akademiſchen; Jahre, die ich in Halle gelebt. Zwar iſt die Jugend Jedem ſchön, wo und wie ſie ihm auch vorübergehe, aber aka⸗ demiſchen Jünglingen iſt ſie es doppelt. Es iſt der nämliche Weg, auf dem ihnen Scherz und Ernſt begegnen, und die ſchmerz⸗ liche Wahl zwiſchen Luſt und Mühe iſt ihnen erlaſſen; die Andern aber ſtehen allzufrühe am Scheidewege des Herkules. In Halle herrſchte damals friſches, ſeelenvolles, höchſt bewegtes wiſſenſchaft⸗ liches Leben“. Nachdem er die dortigen Profeſſoren Wolf, Schleier⸗ macher, Reil, Horkel und Sleſſens mit warmen Worten geſchildert, bemerkt Börne weiter:„Von ſolchen Lehrern angetrieben, ſtrömte der akademiſchen Jugend das Blut raſcher und feuriger durch alle Adern des Geiſtes. Es waren zu jefner Zeit 1200 Studenten in Halle, und deren geſelliges Leben war wilder und rauher, als es je geweſen. Sitten, Sprache, Kleidung, Alles war gigantiſch un⸗


