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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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für dieGeberde, die trotz alledem und alledem heute noch faſt gerade ſoſtürmiſch geblieben, wie früher. 7

Verehrte Anweſende! Mit welcher aufrichtigen Dankbarkeit ich auf meine unter der Oberleitung unſres heutigenRunden⸗ Tiſch⸗Schwiegervaters verlebten Büdingener Gymnaſialjahre zurück⸗ blicke, das ſage ich nicht etwa erſt jetzt aus Courtoiſie für den befreundeten Schwiegerſohn L... Das habe ich ſchon vor mehr als drei Jahren, alsConrad undMarie noch gar nicht an einander dachten, in einem Leitartikel der ſeligenheſſiſchen Landes⸗ zeitung vom 18. Auguſt 1868, als deſſen übrigens damals ſchon errathenen Verfaſſer ich mich hiermit gerne bekenne, öffentlich und unzweideutig ausgeſprochen. Indem ich die damals von national⸗ liberaler Seite, im Gegenſatze zu den preußiſchen, tendenziös ge⸗ ſchmähten heſſiſchen Gymnaſien in Schutz nahm, ſchrieb ich u. A. wörtlich:

Schreiber Dieſes hat das Gymnaſium zu Büdingen beſucht

und ſpricht auf Grund eigner früherer Erfahrung. Wenn die Auf⸗ gabe einer ſolchen Anſtalt darin beſteht:Uebung und Stärkung der geiſtigen Kräfte mittelſt der alten Sprachen und der Mathematik,

Aneignung eines edlen Gedankenreichthums durch geläufige Lectüre der griechiſchen und römiſchen Schriftſteller, feſte Fundamente für die hiſtoriſchen und geographiſchen Wiſſenſchaften, ſittliche Zucht in Liebe und Ernſt, ſo muß er dankbar bekennen, daß ihm in Bü⸗ dingen, wo der weſentlich gleiche Lehrplan, ob auch mit andern Lehrkräften, heute noch fortbeſteht, dies Alles in reichem Maße ge⸗ boten worden iſt und er ſich daſelbſt ein Capital klaſſiſcher, humaner Bildung geſammelt hat, von deſſen Zinſen er bis in ſein ſpäteſtes Alter geiſtig leben kann. Ob er auch einmal als übermüthiger junger Student neben vielen andern Ketzereien das Wort L. Wien⸗ barg's citirt hat vonjener blühenden Zeit, als wir noch in Prima ſaßen und vor der Schaale nicht zum Kern gelangen konnten, ſo gedenkt er doch heute als reifer Mann ſeiner Gymnaſialjahre mit wahrer Liebe. Er nennt mit aufrichtigſter Pietät und ungeheuchelter Hochachtung von ſeinen damaligen Lehrern vorzugsweiſe die Namen eines Georg Thudichum, unter deſſen geiſtvoller Leitung er den Horaz und Sophokles las und den deutſchen Aufaatz tractirte, und eines Friedrich Zimmermann, jetzt Profeſſors am hie⸗

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